Erste Serien-Rezension: Altered Carbon

Bisher habe ich auf Cygnus Reviews nur Bücher rezensiert, aber ich überlege, meine Rezensionen auf andere Medien auszuweiten. Los geht es mit einer Rezension zu der Netflix-Serie „Altered Carbon.“ (Eine Anmerkung, um eine bessere Einordnung meiner Film-Rezensionen zu erlauben: Ich bin bei Filmen/ Serien in der Regel weniger anspruchsvoll als bei Büchern).

Handlung

In der Zukunft hat die Substanz „altered carbon“ es den Menschen erlaubt, sogenannte „Stacks“ zu designen – ins Rückenmark implantierte Chips, die das Bewusstsein ihrer Träger speichern, so dass diese nach ihrem Tod noch Fragen beantworten, oder, wenn sie es sich leisten können, in einen neuen Körper versetzt werden können. Eine winzige Elite von Superreichen – die sogenannten „Meths“ (kurz für „Methusalems“) – verdankt dieser Technologie nahezu ewiges Leben in wechselnden Klon-Körpern.

Takeshi Kovacs – einst einer der gesichtslosen „Praetorians“, die für das „Protectorate“ kämpften, später ein Mitglied der Rebellenorganisation „Envoys“, die dagegen rebellierten – erwacht nach 250 Jahren künstlichen Schlafs als körperloser Stack (das Zukunft-Äquivalent einer Gefängnisstrafe) in einem fremden Körper.

Seine Rückkehr ins Leben ist an eine Bedingung gebunden: Er muss herausfinden, wieso jemand dem Meth Laurens Bancroft den Stack aus dem Hals geschossen hat (was für andere Menschen ein endgültiges Todesurteil gewesen wäre, ist für diesen eher eine Unannehmlichkeit – ein Satellit speichert alle 48 Stunden seine Erinnerungen, sodass er lediglich einen Klon und die Erinnerung an die Zeit unmittelbar vor seinem Tod verloren hat).

Wiederwillig nimmt Takeshi Ermittlungen auf, wobei sich sein Weg immer wieder mit dem der Polizistin Kristin Ortega kreuzt. Seine Suche nach dem Schuldigen führt ihn quer durch eine cyberpunkige Welt voller Korruption und Gewalt, in welcher er so ungewöhnliche Verbündete wie die exzentrische K.I. Poe (tatsächlich nach dem Dichter benannt und ihm in Sprache und Aufmachung nachempfunden), aber auch eine Reihe gefährlicher Feinde findet. Rückblenden enthüllen zunächst andeutungsweise, dann aber plötzlich sehr (vielleicht zu sehr) komprimiert seine Vorgeschichte.

Die Serie legt falsche Fährten und führt ihre Figuren immer wieder in scheinbar aussichtslose Situationen, aus denen sie sich allzu oft den Weg freischießen müssen. „Altered Carbon“ nutzt es voll aus, dass die Serie keine Jugendfreigabe hat, um Darstellungen von Sex und Gewalt so explizit und ausgiebig wie möglich zu machen.

Die Kampfszenen sind oft schön choreographiert und machen geschickt Gebrauch von den technologischen Möglichkeiten der Welt. Sie laden oft dazu ein, sich einfach zurückzulehnen und das Spektakel zu genießen. Es gibt aber auch Momente, die zu empathischem Zusammenzucken führen oder es wie eine gute Idee erscheinen lassen, eine Weile neben den Bildschirm zu schauen.

Am Ende werden eine Menge loser Fäden verknüpft und unerwartete Zusammenhänge aufgedeckt. Gleichzeitig lässt das Motiv der Person, die für alles verantwortlich ist, etwas zu wünschen übrig und der Eindruck von Figuren, die sich alle in einer moralischen Grauzone bewegen und vor um ihr eigenes Überleben in einer von Zynismus durchdrungenen Welt kämpfen, weicht ein wenig einem klassischen Gut-gegen-Böse-Narrativ (obwohl sich die „positiven“ Figuren alle nicht zu schade für erschreckend befriedigende Racheakte sind).

Das Worldbuilding ist interessant, aber es bleiben auch ein paar Fragen offen. Z.B., welche Regeln darüber bestimmen, wieviel Kontrolle Menschen eigentlich über die virtuellen Realitäten haben, in die sie gelegentlich eintauchen, und ob es nicht sinnvoller wäre, wenn sie darin aussehen würden, wie sie selbst sich sehen, und nicht wie ihr aktueller „Sleeve“. Auch scheint sich die Technologie in den 250 Jahren, die Takeshi von der Welt abgekoppelt war, nicht so sehr weiterentwickelt zu haben, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Außerdem überrascht es angesichts des zu erwartenden Bedeutungsverlusts von Alter und Geschlecht in einer Welt, in der Klone und der Wechsel in einen anderen Körper vielleicht nicht für alle erschwinglich, aber keine Ausnahme sind, ein wenig, wie sehr Familienstrukturen und Geschlechterrollen an unsere Gegenwart erinnern. Es bleiben auch ein paar Fragen zur größeren Welt offen, in die das Geschehen eingebettet ist, aber es gab in der Serie wahrscheinlich einfach keinen Raum, um diese ohne nervigen Infodump zu beantworten, sodass lieber darauf verzichtet wurde.

Figuren

Takeshi Kovacs wird von zwei verschiedenen Schauspielern gespielt: Einer (Will Yun Lee) spielt ihn in den Rückblenden, in denen er noch in seinem ursprünglichen Körper unterwegs ist, einer spielt in der Gegenwart (Joel Kinnaman). Tatsächlich fühlt sich der neue „Sleeve“, wie Körper in dieser Welt heißen, wie ein ziemliches Downgrade an – die lebhaftere Mimik und interessantere Erscheinungsbild des (asiatischen) Schauspielers aus den Rückblenden weichen der Gestalt eines generischen, muskulösen Weißen, der ein wenig aussieht wie eine Figur in einem Computerspiel, bevor man sie customized, und der nicht besonders gut darin ist, andere Gefühle als Gleichgültigkeit, traurige Gleichgültigkeit und Wut auszudrücken.

Ich würde an diesem Punkt anmerken, dass ich die Meinung einiger Kritiker, dass die Wahl eines weißen Schauspielers für eine asiatische Figur kritikwürdig sei, in diesem Fall nicht unbedingt teile – die Serie macht es (anders als z.B. „Ghost in the Shell“) durch die zahlreichen Flashbacks unmöglich, Takeshis ursprünglichen Körper zu vergessen und die radikalen Änderungen in Körperbau, Gesicht und Ethnie verstärken eher den sicher intendierten Eindruck, dass der Protagonist gegen seinen Willen in einen Körper und ein Leben gestoßen wurde, mit denen er wenig anfangen kann.

Takeshi erscheint wie ein typischer, glatter, trotzig-sarkastischer Action-(Anti)-Held. Er schüttelt traumatische Erlebnisse scheinbar mit einem Achselzucken ab und gibt vor, dass ihn nichts berühren kann und niemand ihm etwas bedeutet.

Sein Wechsel in einen neuen Körper, in eine neue Zeit ist zweifellos eine ebenso faszinierende wie erschreckende Erfahrung und wirft ein paar spannende Fragen in Bezug auf Körper und Identität auf. Leider eignet sich das Film-Format – gerade, wenn die Handlung so sehr auf rasant fortschreitende Ereignisse und Action setzt – nicht wirklich, um in Ruhe die Erfahrungen einer Figur zu erkunden. Wahrscheinlich sollte ich dafür mal einen Blick in den Roman Richard Morgans werfen, auf dem die Serie basiert.

Die Auswirkungen von Unsterblichkeit und Körperwechseln werden zwar nicht so ausführlich erkundet, wie es hätte sein können, aber sie sind durchaus immer wieder ein zentrales Thema. So müssen viele Figuren lernen, damit umzugehen, dass ihnen vertraute Menschen in fremden Körpern oder Fremde in vertrauten Körpern begegnen und später wird auch gefragt, was eine unsterbliche Elite für soziale Mobilität bedeutet.

Die Schauspielerin, die Kristin Ortega spielt (Martha Higareda), ist weitaus besser darin, Emotionen zu zeigen, als Takeshis Schauspieler, und Kristin ist auch als ein emotionalerer, sozialerer Mensch geschrieben – was aber nicht heißen soll, dass sie ebenso entschlossen, schlagkräftig und geradeheraus ist wie viele andere Charaktere. Gerade in den ersten Folgen herrscht eine schöne Dynamik zwischen ihr und einem sympathischen Kollegen.

Leider gibt es auch einige Figuren, die nicht wirklich überzeugen können. Miriam Bancroft (Kristin Lehman), die Frau des Mannes, dessen Tod Takeshi aufklären soll (James Purefoy), erscheint ausschließlich darauf fokussiert, andere durch Verführung zu manipulieren und wirkt entsprechend eindimensional und auch Takeshis Schwester hätte glaubwürdiger geschrieben sein können.

Ein echtes Highlight dagegen ist die manierierte KI Poe (Chris Conner) – mit seiner altmodischen Ausdrucksweise, einer Menge Spaß daran, Eindringlinge in seinem Hotel mit Kugeln zu durchsieben, aber auch einer mitfühlenden, fürsorglichen Seite ist er einer der einprägsamsten Charaktere der Serie.

Kaum eine Figur lädt wirklich zur Identifikation ein, aber es macht großen Spaß, ihnen zuzusehen.

Visuelles/ Musik

„Altered Carbon“ arbeitet mit einer klassischen Cyberpunk-Ästhetik. Auf den Straßen heben sich animierte Neonschilder grell von Dreck, Dunkelheit und Regen ab. Die glatte Eleganz futuristischer Technik steht im Kontrast zu den im Vergleich billig und verletzlich wirkenden Menschen, die sich mit schlecht bezahlter Arbeit und Prostitution über Wasser zu halten versuchen, während die Reichen hunderte Meter über ihren Köpfen rauschende Feste feiern. Die Figuren bewegen sich immer wieder durch mal  realistische, mal psychedelisch-unreal wirkende virtuelle Welten.

Die futuristischen Kulissen und Requisiten sind eindrucksvoll und auch die musikalische Untermalung funktioniert gut: Neben den Momenten, in denen die Musik nur unauffällig die Stimmung verstärkt, gibt es auch solche, in denen Songs mit klar verständlichen Lyrics in den Vordergrund treten. Die Musik bietet mal eine stimmige Untermalung, mal einen überraschenden, aber nicht unpassenden Kontrast zum Geschehen.

Fazit

„Altered Carbon“ ist rasant, actionreich und bildgewaltig. Subtilere zwischenmenschliche Interaktionen und Charakterentwicklung bleiben hier und da auf der Strecke, aber das ändert nichts daran, dass die düstere Cyberpunk-Serie ihre Zuschauer zu fesseln versteht und ein paar ziemlich interessante Themen streift.

Auf Netflix seit dem 2. Februar 2018

Romanvorlage: „Altered Carbon“ von Richard Morgan

Idee: Laeta Kalogridis

Auf Deutsch als „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“ erschienen (auf Wikipedia gibt es eine Liste der Synchronsprecher)

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2 Kommentare zu „Erste Serien-Rezension: Altered Carbon“

    1. Stimmt, unnötige Sexszenen – und noch viel mehr die unnötige Sexualisierung von Figuren – sind mir auch negativ aufgefallen. Aber alles in allem habe ich mich gut unterhalten gefühlt und werde bei Gelegenheit sicher mal in das Buch reinlesen, über das ich viel Gutes gehört habe.

      Gefällt 1 Person

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