Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot

alle-farben-rotKlappentext

Wenige Jahre, bevor in Deutschland und Frankreich Millionen junger Menschen demonstrierten und gegen die enge Welt ihrer Eltern rebellierten, waren die Straßen Indonesiens rot von Blut. Im Jahre 1965 hatte sich der junge General Suharto an die Macht geputscht, seitdem war das Land geteilt in Freund und Feind der neuen Herrschenden, verfolgt wurden alle, die im Verdacht standen, Kommunisten zu sein. Misstrauen und Angst spalteten Dorfgemeinschaften und Familien, viele verloren in gewaltsamen Unruhen ihr Leben, Tausende wurden ohne Prozess in Strafkolonien auf entlegenen Inseln verschleppt. Jahrzehnte später, lange nach Suhartos Sturz im Jahre 1998, sucht eine Frau auf der Gefangeneninsel Buru nach den Spuren des Mannes, den sie in jenen Tagen geliebt und dann verloren hat. In den Wirren einer Straßenschlacht wurden Amba und Bhisma damals auseinandergerissen, und Amba wusste all die Jahre nichts über das Schicksal ihrer großen Liebe. Bis sie eines Tages eine anonyme Mail erhält, aus der hervorgeht, dass Bhisma damals nach Buru verschleppt wurde. Und so macht sich Amba auf, um endlich Antworten auf die Fragen zu finden, die sie schon so lange quälen. Entlang der Linien des indonesischen Nationalepos Mahabharata, jener großen Erzählung von Liebe und Krieg, entfaltet Laksmi Pamuntjak das Panorama einer jungen Nation und ihres bewegten 20. Jahrhunderts zwischen Kolonialzeit und Unabhängigkeit, Diktatur und Demokratie.

Handlung

Amba wächst im Schatten des Epos „Mahabarata“ auf – einer tragischen Dreiecksgeschichte, in der die Figur, nach der Amba benannt ist, von zwei Männern, Salwa und Bhisma, verstoßen wird. Ambas Eltern haben ihr den Namen bewusst gegeben, wie um zu zeigen, dass die Geschichte keine Macht über sie hat. Aber es treten tatsächlich ein Salwa (der sanfte, aufrichtige Mann, der Amba liebt, dessen respektvolle Zuneigung ihr aber nicht genügen kann) und ein Bhisma (ein charismatischer junger Arzt, von dem Amba bald besessen ist) in ihr Leben.

Amba steht zwischen diesen beiden Männern, aber es gibt noch andere Konflikte, die sie austragen muss. Zum einen sind da  die Erwartungen ihrer Familie, die ihre intelligente, wissbegierige Tochter fördern möchte, zugleich aber zutiefst verletzt wäre, wenn sich diese gegen die geplante Ehe mit Salwa entschiede. Aber ebenso schwierig ist die Zeit, in der sich Amba mit Salwa verlobt und ihr Anglistik-Studium aufnimmt: Indonesien wird von brutalen Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Kommunisten, Christen und Muslimen zerrissen. Amba findet sich in einer Welt wieder, in der es scheinbar keinen Platz für Zwischentöne, für Kunst und Schönheit um ihrer selbst willen gibt und fragt sich, ob sie darin eine Rolle für sich finden kann.

Alles kommt anders als erwartet und so sehr sie es sich wünschen, können Amba, Salwa und Bhisma nicht verhindern, dass sie in die politischen Wirren hineingezogen werden. Schließlich endet Amba an der Seite eines anderen Mannes, Salwa muss sich mit der Rolle des Verlassenen abfinden und Bhisma verschwindet in einem Lager für Strafgefangene.

Jahre später kommt Amba auf der Suche nach dem Mann, den sie mit solcher Leidenschaft geliebt hat, nach Buru, auf die Insel, wo einst die Gefangenenlager waren. Sie wird von einem ehemaligen Mitgefangenen Bhismas und Samuel, der sie zufällig kennengelernt hat und von ihr fasziniert ist, begleitet. Amba kommt jedoch zu spät und findet nur noch Bhismas Grab und Menschen vor, die voller Ehrfurcht von dem Arzt erzählen.

Allmählich entfaltet sich die Geschichte. Sie ist nicht chronologisch erzählt, sondern wird von Ambas Spurensuche auf Buru eingerahmt, sodass von Anfang an klar ist, dass Amba und Bhisma sich nicht wiedersehen werdenn. Tatsächlich ist es am Anfang nicht leicht, in die Geschichte zu finden – zu viel geschieht, ohne dass man vorher Gelegenheit hatte, die Figuren kennenzulernen und ohne jedes Hintergrundwissen sind die Ereignisse der jüngeren indonesischen Geschichte, auf die in „Alle Farben Rot“ verwiesen wird, zwar spannend, aber wirken auch teilweise verwirrend und bruchstückhaft.

Dagegen gelingt der Einstieg mühelos, als die Erzählung zurückspringt und Ambas Geschichte von ihrer Kindheit an erzählt. Auch Salwa kommt zu Wort. Auch wenn „Alle Farben Rot“ nie langweilig wird, irritiert ein klein wenig, wie detailliert bestimmte Lebensabschnitte der Figuren beschrieben werden, während zugleich Jahrzehnte umfassende Zeitsprünge stattfinden und wichtige Wendepunkte auf wenigen Seiten abgehandelt werden. Auch hier wären noch ein paar erklärende Informationen zur politischen Situation angenehm gewesen.

Figuren

Amba – nicht die etwas rätselhafte Frau, die man auf den ersten Seiten kennenlernt, auch wenn auch diese später an Greifbarkeit gewinnt, sondern die junge Amba aus den Rückblenden – ist eine mit Makeln behaftete, aber auch fesselnde und oft sympathische Figur. Sie verletzt zwar Menschen um sich herum, ist auch mal eifersüchtig und egoistisch, aber auch stolz und klug und voller Fragen an die Welt und sich selbst. Sie liebt Sprache und Literatur und wird durch diese Leidenschaft noch einmal realer.

Salwa ist ein Mann, der einfach nur gute Arbeit zum Wohl anderer Menschen leisten möchte und allen mit Freundlichkeit und Respekt begegnet. Zugleich ist es aber auch nachvollziehbar, wieso sich Amba kein erfüllendes Leben mit ihm vorstellen kann.

Bhisma dagegen enttäuscht ein wenig, wenn man ihn zuerst kennenlernt. Wie alle anderen Figuren ist er ein sehr überzeugender Charakter mit Schwächen und Zweifeln und der Fähigkeit, sich für Dinge zu begeistern, aber der Mann, den man in der Rückblende kennenlernt, wird dem Bild nicht gerecht, das die Erzählungen der Menschen im ersten Abschnitt von ihm gezeichnet haben. Das ändert sich jedoch, wenn man später seine nicht abgeschickten Briefe an Amba liest.

Er und Amba sind leidenschaftlich ineinander verliebt, aber Amba wahrscheinlich noch mal ein wenig mehr in ihn. Bhisma selbst ist hin und hergerissen zwischen seiner Liebe zu ihr und seinem politischen Aktivismus und sucht einen Platz in der Welt, auf dem er Gutes bewirken kann. Er ist besessen davon, zu beweisen, dass er sich nicht auf seinem privilegierten Start ins Leben ausruht.

Später lernt man auch Samuel besser kennen – einen Mann, der in der Vergangenheit fragwürdige Entscheidungen getroffen hat und auch jetzt nur eingeschränkt vertrauenswürdig ist, in welchem Amba aber verblüffende Hilfsbereitschaft auslöst.

Stil

Wie schon gesagt wird „Alle Farben Rot“ nicht chronologisch erzählt – Ambas Suche nach Bhisma bildet einen Rahmen für die Schilderung ihrer Vergangenheit und erst ganz am Ende füllen Bhismas Briefe an sie die Lücken darin.

Der Roman lässt sich viel Zeit dafür, seine Figuren vorzustellen, ihr Leben und ihren Charakter zu schildern, und entwirft dabei einprägsame, differenzierte Portraits, welche die Figuren so lebendig machen, dass man sie trotz ihrer Schwächen gerne begleitet.

Die Qualität der Sprache schwankt ein wenig. Oft ist der Stil eher unauffällig und einige Formulierungen wirken sogar etwas unbeholfen. Dazwischen finden sich aber poetische und ungewöhnliche Bilder, gerade in den Briefen, die Figuren schreiben. Diese lesen sich meist besonders schön und überraschen dadurch, welche Erinnerungen ihre Verfasser schildern, worauf sie sich konzentrieren und was sie ungesagt lassen. Vielleicht wirkt ihre Sprache nicht besonders natürlich, aber andererseits handelt es sich um Texte, an denen die Figuren lange gefeilt haben, also macht sie das nicht notwendigerweise unglaubwürdig.

Fazit

„Alle Farben Rot“ ist ein eigenwilliger Roman mit plastischen, differenzierten Charakteren, dessen Handlung sich vor dem Hintergrund der jüngeren indonesischen Geschichte und eines alten Epos abspielt. Einige Aspekte irritieren oder machen es schwer, der Handlung mühelos zu folgen und hier und da wäre mehr historischer Kontext hilfreich gewesen. Aber über weite Strecken ist „Alle Farben Rot“ ein Roman, der seine Leser fesseln kann.

 

Übersetzt von Martina Heinschke

Ullstein eBooks, September 2015

ISBN: 9783843711838

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