Gesa Schwartz: Scherben der Dunkelheit

scherben-der-dunkelheitKlappentext

Die sechzehnjährige Anouk verbringt die Ferien in einem kleinen Dorf in der Bretagne. Kurz nach ihrer Ankunft gastiert der Dark Circus in der Nähe: ein geheimnisvoller Zirkus, der im Dorf für seine düsteren und besonderen Vorstellungen bekannt ist. Auch Anouk gerät schnell in seinen Bann und damit in einen Kosmos, den sie kaum für möglich hielt: Eine magische Welt öffnet sich vor ihr, in der sie den mysteriösen Zauberer Rhasgar kennenlernt. Doch der Dark Circus birgt mehr, als Anouk ahnt. Bald schon schwebt sie in tödlicher Gefahr und weiß nicht mehr, wem sie trauen kann. Denn es gibt keine Regeln im Dark Circus bis auf eine: Nichts ist, wie es scheint …

Handlung

Anouk ist seit dem Tod ihres Bruders von ihrer Familie, der Welt und sich selbst entfremdet. Als sie ihre Ferien in der Bretagne verbringt, besucht sie eine der Aufführungen des schaurig-schönen Dark Circus, doch als sie das Zelt verlässt, will der Zirkus sie nicht freigeben. Sein Besitzer, der unheimliche Clown Masrador, macht Anouk gegen ihren Willen zu einer Artistin. Zusammen mit anderen Artisten, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, leistet Anouk entschlossen Widerstand und kämpft um ihre Freiheit.

Ihr engster Verbündeter ist dabei der Zauberer Rhasgar, der ihr zunächst abweisend begegnet, dann aber unverbrüchlich zur Seite steht und sie in die geheimnisvolle Magie des Zirkus einführt. Denn in jedem Artisten erwachen magische Fähigkeiten. Als „Königin der Farben“ kann Anouk nun in der leeren Luft Bilder erschaffen, die zum Leben erwachen.

Anouk kommt eine Schlüsselrolle im Plan der Artisten zu, den Ursprung von Masradors Macht zu finden und den Bann zu brechen, der sie im Zirkus gefangen hält. Magische Rituale, Reisen in die Vergangenheit und ins dunkle Herz des Zirkus enthüllen Schicht für Schicht Wahrheiten über ihn, seinen Herrn und seine Bewohner – und es sind teilweise erschütternde Geheimnisse, die dabei ans Licht kommen, denn wann immer Anouk glaubt, das wahre Gesicht einer anderen Figur zu kennen, wird sie auf schmerzhafte Weise eines Besseren belehrt.

Die Handlung wird entscheidend von Magie vorangetrieben. Es fällt auf, dass diese offenbar immer das zu können oder notwendig zu machen scheint, was gerade den Plot vorantreibt, einen Persönlichkeitsaspekt eines Charakters enthüllt oder aber das Innenleben der Figuren wiederspiegelt. Diese Art der Magie, die atmosphärisch und bildgewaltig daherkommt, aber keinem System, keiner inneren Logik zu folgen scheint, funktioniert im Kontext dieses Buches besser, als sie es in vielen anderen Büchern tun würde, weil sie gut zu der dichten, geheimnisvollen Atmosphäre des Dark Circus passt, wo alles möglich ist und nichts wie es scheint. Vor allem scheint sie immer auch ein Stück weit Metapher für das zu sein, was in den Figuren geschieht und übersetzt die Verarbeitung von Verlust, Trauma und Missbrauch in eindrucksvolle Bilder. Trotzdem wäre es vielleicht besser gewesen, die Handlung mehr von Figuren und folgerichtigen, logischen Handlungen und Ereignissen tragen zu lassen und bei großen, emotionalen Momenten auf die „Spezialeffekte“ zu verzichten, da diese manchmal etwas zu dick aufgetragen wirken.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Auflösung der Geschichte wirklich schlüssig ist und am Ende kommen die überraschenden Enthüllungen und dramatischen Kämpfe so dicht gedrängt, dass einem beim Lesen keine Zeit bleibt, zu atmen und sie zu verarbeiten, aber sie gleichzeitig treffen sie die Leser heftig und sind teilweise wirklich unerwartet.

Figuren

Anouk ist eine introvertierte, aber willensstarke junge Frau, die den Tod ihres kleinen Bruders nicht verwunden hat und ihre Zeit am liebsten mit Lesen und Malen verbringt. Sie wirkt in ihrem Auftreten sehr natürlich, weil sie, wenn sie nervös ist, ständig Witze voller Anspielungen auf Bücher und Filme macht. Nach und nach lernt sie ihre eigene Stärke kennen.

Rhasgar scheint auf den ersten Blick das typische düstere Love Interest zu sein, aber es stellt sich heraus, dass er tatsächlich guten Grund hat, Anouk vor seiner dunklen Seite zu warnen, und nach und nach werden immer mehr Facetten seines Charakters enthüllt. Man gewinnt den Eindruck einer markanten, widersprüchlichen Persönlichkeit. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, dass er nur dazu da ist, Anouk zu bewundern. Wie viele Figuren ist er in der Zeit, bevor ihn der Dark Circus rekrutiert hat, zutiefst verwundet worden und handelt im Guten wie im Schlechten extrem.

Wenn Anouk und Rhasgar sich näherkommen, gibt es zwischen ihnen Szenen und Dialoge, die entschieden zu melodramatisch sind, aber auch rührende Momente, wo zwei Menschen, die vor sich selbst auf der Flucht sind, einander mit ihrer Akzeptanz helfen und sich gegenseitig zu retten versuchen.

Man lernt auch andere Figuren im Dark Circus besser kennen. Die Nebenfiguren sind keineswegs eindimensional, sondern schreiben sich einem ins Gedächtnis und haben auch alle ihre Geheimnisse. Vielleicht sind einige Figuren ein bisschen zu nobel und darauf erpicht, sich für ihre Ideale zu opfern, aber alles in allem sind sie und die Dynamik ihrer Beziehungen untereinander ziemlich interessant, da sie alle außergewöhnliche Fähigkeiten und Geschichten mitbringen. Auch Masrador ist eine spannende, nicht eindimensionale Figur und es steht in Frage, ob er wirklich der Bösewicht in dieser Geschichte ist.

Spannend ist auch das ambivalente Verhältnis der Figuren zum Zirkus: Er mag sie gefangen halten, aber zugleich hat er ihnen Magie und eine Heimat geschenkt und der Gedanke, sich von ihm zu befreien, was zugleich sein Ende bedeuten würde, erfüllt die Figuren nicht nur mit Hoffnung, sondern auch mit Angst und einem Gefühl des Verlusts, da der Zirkus bei aller Düsternis, Gefahr und Gewalt auch ein Ort der Schönheit und Verzauberung ist.

Stil

Gesa-Schwartz-typisch balanciert der Schreibstil von „Scherben der Dunkelheit“ zwischen Poesie und Pathos, liefert Zeilen, in denen die außergewöhnliche Wortwahl und bildreiche Sprache berührende Momente schaffen, aber auch Passagen, wo eine sparsamere, weniger dramatische und mit Vergleichen und Metaphern aufgeladene Sprache die bessere Wahl gewesen wäre. Wiederkehrende Bilder schaffen ein Gefühl der Geschlossenheit.

Anouk spricht meist auf eine Weise, die zu einer in unserer Welt großgewordenen Sechzehnjährigen passt, aber gelegentlich verfallen sie und andere Figuren auch in eine geschwollene Sprache, die Dialoge schnell unnatürlich wirken lässt. Der Schreibstil von „Scherben der Dunkelheit“ hat seine Schwächen, aber zugleich gelingt es Gesa Schwartz, eine dichte Atmosphäre zu weben und Bilder von Orten und Figuren heraufzubeschwören, die einen auch nach der Lektüre noch lange begleiten.

Bis sich die Ereignisse gegen Ende des Buches hin zu überschlagen beginnen, schreitet die Handlung in einem angenehmen Tempo fort und hält die Balance zwischen äußeren Ereignissen und Charakterentwicklung (wobei durch die spezielle Art, wie Magie hier funktioniert und für die Geschichte eingesetzt wird, die Grenzen zwischen beidem verschwimmen) und oft erhalten Leser die Gelegenheit, auch einfach nur die Welt zu erkunden und zu staunen. Gerade Letzteres ist eine große Stärke des Buches. „Scherben der Dunkelheit“ lädt dazu ein, vollkommen in die bedrohlich-schöne Welt einzutauchen, die Gesa Schwartz entwirft.

Fazit

„Scherben der Dunkelheit“ ist eine Geschichte, die ihren düster-phantastischen Schauplatz und ihre ungewöhnlichen Charaktere bildgewaltig zum Leben erwachen lässt und ihre Leser auf eine emotionale Achterbahnfahrt schickt. Zugleich gibt es viele Momente, in denen es einfach zu viel ist: Zu viele Metaphern, zu viel Drama, zu viele Ereignisse und Enthüllungen nacheinander.

Gesa Schwartz hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben, das zwar Schwächen hat, aber oft auch beeindruckt und bewegt.

cbt, September 2017

Imprint: cbt

ISBN: 9783641214753

 

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3 Kommentare zu „Gesa Schwartz: Scherben der Dunkelheit“

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