Jay Kristoff: Nevernight (The Nevernight Chronicles, Buch 1)

nevernight-the-nevernight-chronicle-book-1Klappentext

Destined to destroy empires, Mia Covere is only ten years old when she is given her first lesson in death. Years later, to make vengeance a promise, she must prove herself against the deadliest of friends and enemies, and survive the tutelage of murderers, liars and demons at the heart of a murder cult. The Red Church is no Hogwarts, but Mia is no ordinary student. The shadows love her. And they drink her fear.

Handlung

Mia Covere wächst als Tochter einer aristokratischen Familie in der Stadt Godsgrave auf. Sie lebt in einer Welt, in der drei Sonnen am Himmel stehen und echte Nächte – „Truedark“ – selten sind. Stattdessen haben die Menschen sich darauf geeinigt, in den „Nevernights“ zu schlafen.

Mias Kindheit findet ein jähes Ende, als ihr Vater als Verräter an der Republik hingerichtet wird. Weder sie noch der Leser erfahren die wahren Hintergründe seines Todes, doch das Gesicht des Mannes, der seinen Tod zu verantworten hat und ihr schließlich auch ihre Mutter nimmt, brennt sich in das Gedächtnis des Mädchens ein.

In dieser Nacht erwachen in ihr auch Fähigkeiten, die die Aufmerksamkeit des ehemaligen Attentäters Mercurio auf sich ziehen und ihn dazu bringen, sie als Schülerin zu akzeptieren: Mia ist in der Lage, Schatten zu manipulieren, und sie ist nie allein. Der schattenhafte Kater „Mr. Kindly“ begleitet sie auf Schritt und Tritt, kommentiert alles, was sie tut, und schirmt sie von ihrer Angst und ihren dunkelsten Erinnerungen ab.

Um Rache für den Tod ihrer Eltern zu üben, will Mia in die Fußstapfen ihres Lehrers treten und zu einer der „Klingen“ der „Red Church“ werden. Die Ausbildung bei dem Orden von Attentätern ist gnadenlos und führt sie mit anderen Jugendlichen zusammen, von denen einige von der ersten Minute an ihre Feinde sind, andere jedoch zu Freunden und sogar Liebhabern werden. Doch alle sind sie Konkurrenten, denn von dreißig Anwärtern werden nur vier schließlich zu „Klingen“ ernannt.

Jay Kristoff verwebt Mias Weg zur „Red Church“ und ihre Ausbildung dort mit Rückblenden, die ihre Geschichte beleuchten. Das Buch erweist sich als verblüffend symmetrisch, wenn Dinge, die aus scheinbar völlig anderen Gründen eingeführt würden, zum Ende hin noch einmal eine entscheidende Rolle spielen, und der Autor legt gekonnt falsche Fährten. Dieser geschickte (vielleicht sogar etwas zu saubere) Aufbau, die rasch fortschreitende Handlung mit ihren vielen kleinen und großen Überraschungen und die durchgängige Spannung sorgen für viel Lesespaß.

Mit einer Attentäterin mit dunkler Vergangenheit, Rachedurst, Prinzipien und Schattenfähigkeiten als Hauptfigur und Jugendlichen, die in einem mörderischen Wettbewerb gegeneinander antreten bedient sich Kristoff bei etablierten Mustern und Klischees des Genres. Doch die Welt bietet einen einprägsamen, teilweise ziemlich originellen Hintergrund.

Figuren

Die Spannung zwischen Sympathie und mörderischer Konkurrenz zwischen den Schülern der „Red Church“ sorgt für eine Reihe interessanter Beziehungen. Bereits in der ersten Woche wird der erste von ihnen ermordet und sie haben allen Grund zum gegenseitigen Misstrauen. Diese Spannung spiegelt sich auch im Verhalten der Figuren wieder: Im einen Moment sind sie gewöhnliche Teenager, die sich vor Lachen über Sex-Witze kringeln, im nächsten planen sie den Tod ihrer Mitschüler oder müssen fürchten, dass einer der Tests ihrer Lehrer sie das Leben kostet.

Mehrmals kommentieren ihre Freunde, dass Mia nicht dorthin passt, und dies ist ein Stück weit wahr: Obwohl sie oft rasch, entschlossen und gnadenlos handelt und ohne zu zögern tötet, um sich zu rächen oder zu verteidigen, klammert sie sich doch an einen Rest Menschlichkeit und zieht eine klare Grenze dabei, was sie zu tun bereit ist. Mia ist eine sehr kompetente Protagonistin, aber dadurch, dass Mr. Kindly ihre Angst und Erinnerungen trinkt, ist da auch immer eine Ahnung von Verletzlichkeit: Was wird geschehen, wenn sie sich ihnen schließlich stellen muss? Es ist auch gut geschildert, wie sich ihre Fähigkeiten entwickeln.

Zwischen Mia und ihrem sympathischen Mitschüler Tric, der ebenfalls mit einer dramatischen Vorgeschichte in der „Red Church“ ankommt, entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die wohl jeder außer Mia selbst so bezeichnen würde. Allerdings ist fraglich, ob die Gefühle der Figuren – ganz zu schweigen von ihnen selbst – in diesem Umfeld überleben können.

Die Dialoge zwischen den Figuren, z.B. zwischen Mia, Tric und ihrer Freundin Ahslinn, die vor nichts und niemandem Respekt zu haben scheint, aber auch Mr. Kindlys ständige Kommentare lockern die dramatische Handlung regelmäßig durch Humor auf.

Einige Figuren wirken etwas klischeehaft oder bleiben über weite Strecken des Buches eindimensional. Auch die Beschreibungen von Nebenfiguren wiederholen sich und Mia hat es häufig mit einseitig abstoßenden Gegenspielern zu tun. Aber alle Figuren funktionieren in ihren Rollen gut und viele von ihnen überraschen irgendwann einander und den Leser.

Stil

Die Geschichte beginnt mit zwei ineinander verwobenen, nur wenige Stunden voneinander entfernten Szenen: Mias Erstes Mal und ihr erster Mord. Die Sprache erscheint hier etwas zu blumig und pathetisch und der Autor schießt bei seinem Versuch, auf die Parallelen zwischen beiden hinzuweisen, über das Ziel hinaus, aber dann „beruhigt“ sich der Stil und wird angenehm und flüssig zu lesen. Ganz am Anfang meldet sich ein Erzähler zu Wort, dessen Identität ganz am Ende zweifelsfrei geklärt wird. Allerdings scheint in den trockenen Kommentare, die hier und da eingeflochten sind, und besonders in den erklärenden Fußnoten Raum erhalten, eine sehr vertraute Stimme durch. Drama und Humor existieren nebeneinander, ohne dass das eine dem anderen an Wirkung und Glaubwürdigkeit nehmen würde.

Fazit

„Nevernight“ ist ein gekonnt konstruierter, sehr unterhaltsamer Roman, der sich zwar häufig bei wohlbekannten Fantasy-Motiven bedient, aber trotzdem an vielen Stellen überrascht.

 

„Nevernight“ erscheint im August 2017 in einer Übersetzung von Kirsten Borchardt als „Nevernight – Die Prüfung“ im Fischer Tor Verlag.

 

HarperCollins Publishers, August 2016

Imprint: Harper Voyager

ISBN: 9780008180010

16,29 € bei Kobo

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2 Kommentare zu “Jay Kristoff: Nevernight (The Nevernight Chronicles, Buch 1)”

  1. Klingt ja richtig spannend!
    Wie war das Buch denn in Hinsicht auf die englische Sprache? War es einfach mit den neuen „Vokabeln“ zurecht zukommen oder hat es seine Zeit gedauert (Ich finde, dass Bücher lesen im Genre Fantasy oder Scifi immer am schwierigsten ist *_*) Ansonsten warte ich halt bis August 😉
    Tolle Rezi übrigens!
    LG Sireadh

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sireadh, freut mich, dass mein Rezension dein Interesse geweckt hat.
      Ich bin beim Lesen auf keine (oder nur sehr wenige) Wörter gestoßen, die nicht wenigstens zu meinem passiven Englisch-Wortschatz gehören, aber ich bin es mittlerweile auch gewohnt, auf Englisch zu lesen. Ich kann dir nur raten, in eine Leseprobe reinzuschauen und dann für dich selbst zu entscheiden.
      Warten ist aber auch eine Option. Ich habe schon eine andere Übersetzung von Kirsten Borchardt gelesen („Königsschwur“ von Joe Abercrombie), die mir gut gefallen hat.

      Gefällt 1 Person

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