Benedict Wells: Spinner

SpinnerKlappentext

Ich hab keine Angst vor der Zukunft, verstehen Sie? Ich hab nur ein kleines bisschen Angst vor der Gegenwart.

Jesper Lier, 20, weiß nur noch eines: Er muss sein Leben ändern, und zwar radikal. Er erlebt eine turbulente Woche und eine wilde Odyssee durch Berlin. Ein tragikomischer Roman über die Angst, wirklich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Rezension

Jesper versteckt sich in einer schäbigen Souterrain-Wohnung vor der Welt und schreibt an einem Roman, den er für ein Meisterwerk hält. Auf dem Gebiet sozialer Interaktion scheitert er kläglich. Allmählich erfährt man, dass es der Tod seines Vaters war, der ihn so aus der Bahn geworfen hat, und begleitet ihn mit auf den Unternehmungen, zu denen sein Freund Gustav ihn mitschleift, und die ihm nur wieder vor Augen führen, wie unsicher und isoliert er ist.

Die Handlung umfasst nur eine Woche, aber in dieser passiert einiges: Jesper verliebt sich,  wird durch eine Verwechslung in eine gefährliche Situation gebracht, „rettet“ einen Freund, den er eigentlich hängen lassen wollte, vor seiner konservativen Familie, kommt schließlich ganz unten an und ist gezwungen, sich mit seinem Buch, seinem Leben und all den kleinen Lügen, die er sich und anderen erzählt hat, auseinanderzusetzen.

Da Jesper, wie sich herausstellt, nicht nur emotionale und soziale, sondern auch gesundheitliche Probleme hat, gibt es oft Situationen, in denen Realität und Halluzination, Fakt und Fiktion verschwimmen.

Orientierungsloser Pseudostudent mit künstlerischen Ambitionen lässt sich durch Berlin treiben, erlebt verrückte, gelegentlich bedrohliche Begegnungen und versteckt seine Einsamkeit und seine tiefgehenden emotionalen Probleme hinter Sarkasmus und aufgesetzter Fröhlichkeit… Die Grundidee von „Spinner“ ist nicht unbedingt originell, aber Jespers Stimme und die zahlreichen originellen Details und Wendungen machen die Geschichte trotzdem interessant.

Figuren

Mit Jesper hat Benedict Wells eine überzeugende Hauptfigur geschaffen, deren Schwächen und schlechte Entscheidungen man als Leser verzeiht, weil er sie sich selbst schonungslos eingesteht und nur zu deutlich wird, wie schlecht es ihm eigentlich geht. Sehnsüchtig blickt Jesper auf seine Jugendzeit zurück und hat Angst, seine Träume von damals zu verraten. In der Gegenwart dagegen fühlt er sich bloß ziellos und verloren und betrachtet nahezu alle Menschen um ihn herum mit hilfloser Verachtung. Angst vor Zurückweisung, Unsicherheit und Einsamkeit lassen ihn immer weiter von allen anderen wegdriften. Jesper ist selbstmitleidig und handelt gelegentlich ziemlich irrational, aber weckt trotzdem Sympathie und Mitgefühl.

Da Jesper der Ich-Erzähler des Buches ist, ist seine Sicht auf andere Figuren subjektiv und sehr auf sich selbst bezogen. Trotzdem erahnt man dahinter real und plastisch wirkende Figuren, die ihre eigenen inneren Konflikte austragen. Da ist z.B. Gustav, Jespers charismatischer bester (und nahezu einziger) Freund, der tief in seinem Inneren jedoch auch an sich zweifelt und sich fragt, ob da überhaupt etwas unter der schillernden Oberfläche ist.

Stil

„Spinner“ ist in der ersten Person geschrieben, in einer schönen, flüssigen Sprache, die sich an mündliches Erzählen anlehnt und Umgangssprache einbindet, ohne dass dies stören würde. Jesper hat eindeutig eine eigene, überzeugende Stimme und präsentiert seine Erlebnisse auf sarkastische, sprachlich originelle Weise. Man fühlt sich ihm beim Lesen sehr nahe.

Fazit

In „Spinner“ steht ein Protagonist im Mittelpunkt, den man gelegentlich gerne schütteln würde, aber letzten Endes nur zu gut versteht. Jesper ist ein authentischer, eloquenter Ich-Erzähler und unerwartete Wendungen halten die Geschichte bis zum Ende interessant. „Spinner“ ist nicht so gut wie Wells‘ späterer Roman „Vom Ende der Einsamkeit“, aber trotzdem einen Blick wert.

Verlag: Diogenes (3. Auflage August 2016)

ISBN: 978-3257243840

 

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