Gesa Schwartz: Herz aus Nacht und Scherben

herzausnachtundscherbenKlappentext

In Venedig gerät die siebzehnjährige Milou in die Welt der Scherben: das Reich der verlorenen Gedanken, der zerschlagenen Träume, der unvollendeten Geschichten und vergessenen Wünsche. Auf der Suche nach spurlos im Nebel verschwundenen Menschen verliebt sie sich in den mysteriösen Rabenwandler Nív, doch sie weiß: Seine Welt ist nicht für sie bestimmt. Und mit jedem Augenblick zieht das Reich der Scherben sein Netz enger…

 

Handlung

Milou reist nach Venedig, um dort die Ferien bei ihrer Großmutter zu verbringen, doch von Anfang an hat sie ein seltsames Gefühl, sieht Dinge, die nicht wirklich zu sein scheinen, und begegnet rätselhaften Gestalten. Als sie zur Zeugin wird, wie flüsternde Nebel menschliche Kinder entführen, macht sie sich auf die Suche nach der Ursache der Vorkommnisse. Und ist wenig später auf der Flucht vor Caldoron, dem verbitterten König der Scherben, der aus den Träumen der entführten Menschen die Kraft für einen Zauber schöpfen will, der ihm die Herrschaft über die Pfade zwischen der Welt der Menschen und dem Reich der Dha’raki – der Welt der Scherben – geben will.

Nív – ein junger Mann mit einem Herz aus Scherben und der Fähigkeit, sich in einen Raben zu verwandeln – erklärt Milou, was es mit der Welt der Scherben auf sich hat. Sie existiert parallel zur Welt der Menschen (viele Orte des realen Venedig haben ihre phantastischen Spiegelbilder) und speist sich aus abgebrochenen Geschichten, vergessenen Träumen und verdrängten Sehnsüchten. Früher war sie enger mit der Welt der Menschen verbunden, doch mittlerweile sind die Welten von einander abgerückt, haben die Menschen doch ihre Wertschätzung vor der Scherbenwelt und allem, wofür sie steht, verloren. Das ist ein großes Thema des Buches, immer wieder geht es darum, dass Milou von allen als „Träumerin“ bezeichnet wird – ein Begriff, der für sie verächtlich-mitleidig ist, für Nív hingegen ein Ehrentitel und der Schlüssel zu den in Milou verborgenen Fähigkeiten, die ihr die Kraft geben, Caldoron zu besiegen. Wie viele andere Bücher Gesa Schwartz‘ ist „Nacht ohne Scherben“ ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, Träumen, Fantasie und Gefühlen mit mehr Achtung zu begegnen.

Aber auch sonst begegnet man vielen Themen, Motiven und Plotelementen der anderen Bücher Gesa Schwartz‘ wieder, genau wie dem charakteristischen „Look“ ihrer Anderswelten, in denen die Magie keinem echten System folgt und häufig die Prozesse im Inneren der Figuren wiederspiegelt. In  Wieder ist es eine Welt voll von düster-magischen Gestalten, Geschöpfen und Orten, die mal schön, mal grotesk, mal beängstigend sind, aber alle darauf angelegt sind, verzaubertes Staunen hervorzurufen und sich zu einem verblüffend harmonischen Ganzen fügen.

Milou hat (gelinde gesagt) Probleme, sich selbst in der Rolle der Retterin zu sehen, aber folgt Nív tiefer in die Scherbenwelt, wo sich eine kleine Gruppe von Rebellen vor Caldoron verbirgt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Fuchsmann, der mehr über den Scherbenkönig weiß, als jeder andere. Ihre Suche führt sie von einem gefährlichen, faszinierenden Ort zum nächsten und die Identität des Fuchsmanns ist eine echte Überraschung. Während sie ein Abenteuer nach dem anderen bestehen, verlieben Milou und Nív sich ineinander, auch wenn Nív immer wieder versucht, sie wegzustoßen, denn sein Herz aus Scherben ernährt sich von den Träumen und Erinnerungen Milous und droht, sie für immer von der Menschenwelt zu entfremden. Schließlich ist es an der Zeit, Caldoron zu konfrontieren.

 

Figuren

Gesa Schwartz beschränkt sich auf wenige, einprägsame Figuren. Milou ist auf den ersten Blick keine klassische Fantasy-Heldin (ein rundliches Mädchen, dass sich am liebsten in ihren Büchern versenkt und sich nichts zutraut) und muss sich erst durch Nívs Augen sehen, um ihr Potential zu erkennen. Ihre Selbstzweifel und ein Trauma aus ihrer Vergangenheit, dem sie sich im Verlauf der Handlung stellen muss, drohen, sie zu Fall zu bringen. Aber es sind gerade die Zweifel, die sich zu ihrer Stärke gesellen, die sie sympathisch machen.

Anders als sie kennt sich Nív gut in der Scherbenwelt aus und ist ein versierter Kämpfer, der bei den Rebellen im großen Ansehen steht. Er hat jedoch, auch wenn er Milou von Anfang an mit großer Achtung begegnet und sie gerade dafür schätzt, dass sie die Träume ihrer Kindheit nie losgelassen hat, Angst, sich seine Gefühle für sie einzugestehen. So, wie Milou sich ihr Leben lang ohne es zu wissen nach der Scherbenwelt gesehnt hat, betrachtet er die Welt der Menschen mit einer Mischung aus Sehnsucht und Enttäuschung.

Es gibt auch noch einige sehr einprägsame Nebenfiguren, die alle ihre Geschichten und Geheimnisse haben.

 

Stil

„Herz aus Nacht und Scherben“ ist wieder im typischen metaphernreichen Stil Gesa Schwartz‘ geschrieben, der es manchmal schwer macht, zwischen sprachlichem Bild und Realität zu unterscheiden. Oft ist die Wahrnehmung der Figuren mehrdeutig. Andere Rezensenten sehen das anders, aber ich habe die Formulierungen als zwar ungewöhnlich, aber doch passend und bereichernd empfunden, immerhin gelingt es Gesa Schwartz‘, damit eine dichte Atmosphäre mit ihrem ganz eigenen düsteren Zauber heraufzubeschwören.

Irritierend ist dagegen, dass alle Figuren in einem feierlichen, altertümlichen Stil sprechen. Bei Scherbenweltbewohnern, die lange von der Welt der Menschen isoliert waren, könnte das durchaus Sinn ergeben, aber auch Milou und ihre Großeltern sprechen so, was sich leider oft gekünstelt und pathetisch anhört.

Da die Macht der Fantasie ein wichtiges Thema des Romans ist, ist es nur zu passend, dass immer wieder – mal durch explizite Verweise, mal durch kleinere Anleihen – auf verschiedenste Bücher wie z.B. Peter Pan angespielt wird. Das Ende erinnert schließlich an ein Märchen, aber fühlt sich gerade dadurch stimmig an.

 

Fazit

Um „Herz auf Nacht und Scherben“ genießen zu können, muss man sich voll und ganz auf dieses Buch einlassen, das schwärmerisch und ironiefrei Fantasie, Emotion, Mut, Liebe, Freundschaft und Individualität feiert. Gesa Schwartz‘ Roman wartet wieder mit eindrucksvollen Bildern, einer ungewöhnlichen Sprache und einer faszinierenden, unberechenbaren Parallelwelt auf. In seiner Charakterzeichnung und der Behandlung der zentralen Konflikte ist „Herz aus Nacht und Scherben“ vielleicht nicht gerade subtil, aber kraftvoll.

cbt, Oktober 2016

Imprint: cbt

ISBN: 9783641192709

 

Rezension zu „Nacht ohne Sterne“

Rezension zu „Grim – Die Flamme der Nacht“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s