Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

dieunwahrscheinlichepilgerreisedesharoldfryKlappentext:

Eigentlich wollte er nur zum Briefkasten. Dann geht Harold Fry 1000 Kilometer zu Fuß. Von Südengland bis an die Schottische Grenze – eine Reise fürs Leben, eine Geschichte über Tapferkeit und Geheimnisse, Liebe und Loyalität und ein ganz unscheinbares Paar Segelschuhe.

Rezension:

Harold Fry ist vor kurzem pensioniert worden und sitzt mit seiner Frau Maureen zu Hause. Zwischen ihnen scheint eine unüberbrückbare Distanz zu herrschen und der Schatten des abwesenden Sohnes David, über dessen Probleme und schwierige Beziehung zu den Eltern man nach und nach mehr erfährt, liegt belastend über ihrem gemeinsamen Leben.

Als Harold einen Abschiedsbrief von einer krebskranken ehemaligen Kollegin erhält, trifft er spontan eine Entscheidung: Er wird zu Fuß in die nordenglische Stadt laufen, wo sie im Sterben liegt. Eine Zufallsbegegnung mit einem Mädchen an einer Tankstelle bringt ihn darauf, das Ganze als eine Pilgerfahrt zu begreifen und er ist sicher: Solange er läuft wird Queenie – so heißt seine Kollegin – nicht sterben.

Auf seinem Weg begegnet er zahlreichen Menschen. Viele sind gerührt von seiner Absicht und vertrauen diesem sonderbaren Fremden, der ihnen ohne zu urteilen zuhört, ihre intimsten Geheimnisse an. Harold erfährt großes Mitgefühl und überraschende Hilfsbereitschaft, aber erlebt immer wieder auch Momente der Krise. Mal drohen ihn die körperlichen Strapazen der Reise zu überwältigen, mal werden die schmerzhaften Erinnerungen, die nun, da er Zeit hat nachzudenken, mit voller Wucht zurückkehren, nahezu unerträglich.

Unterdessen wartet seine Frau Maureen auf seine Rückkehr. Sie beginnt, ihr Leben und ihre Entscheidungen in Frage zu stellen – und begreift, dass sie Harold trotz allem, was zwischen ihnen steht, immer noch liebt. Doch wie die steifen Telefonate der beiden zeigen, haben sie verlernt, miteinander zu reden.

Man fragt sich, ob es ihnen am Ende doch gelingen wird, zusammenzukommen, ob Queenie überleben wird und erfährt nach und nach mehr über Harolds Vergangenheit.

Figuren:

Harold ist auf den ersten Blick ein recht mittelmäßiger Mann: Er stammt aus einfachen Verhältnissen und einer schwierigen Familie und lebt zusammen mit seiner Frau ein unauffälliges Leben. Spontaneität und Risikobereitschaft sind nicht gerade seine wichtigsten Eigenschaften, so dass er selbst wohl am Überraschtesten von seinem Entschluss ist. In vielen entscheidenden Situationen seines Lebens zutiefst unsicher, aber freundlich und mitfühlend ist er ein echter Sympathieträger.

Als man Maureen kennenlernt, wirkt sie wie eine mäkelige, sauberkeitsbesessene Alte, die Harold mit ihrer ständigen Unzufriedenheit das Leben schwermacht, aber die Kapitel aus ihrer Sicht sorgen dafür, dass dieser Eindruck rasch schwindet. Man merkt, dass sich hinter dieser Fassade eine Frau verbirgt, die sich selbst in Frage stellt und versucht, ihren Gefühlen irgendwie Ausdruck zu verleihen.

Die Figuren, denen Harold unterwegs begegnet, sind zu zahlreich, um sie alle zu beschreiben. Sie sind so verschieden, wie Menschen nur sein können, und trotz ihrer kurzen Auftritte sorgfältig ausgearbeitet.

Stil:

Das Buch ist in der dritten Person geschrieben und deckt die Perspektiven Harolds und Maureens ab. Die Sprache ist angenehm, die Charakterisierungen der Figuren gut gelungen. Joyce setzt geschickt hässlich-realistische Details und Momente der Krise ein, um die Geschichte vor dem Sturz in Rührseligkeit zu bewahren, was angesichts der Grundidee keine leichte Aufgabe ist.

Fazit:

„Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ ist ein einfühlsamer Roman über ein älteres Paar, dem eine spontane, unvernünftige Entscheidung die Gelegenheit gibt, völlig neu über sich und ihr Leben nachzudenken und dabei zu überraschenden Erkenntnissen zu kommen. Präzise Charakterbeschreibungen und meist sichere Distanz vom Kitsch machen das Buch lesenswert.

Übersetzt von Maria Andreas

FISCHER E-Books, Mai 2012

ISBN: 9783104020754

9,99 €

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