Ist optimistische Literatur überhaupt möglich?

Vor kurzem habe ich einen Roman über eine idealistische junge Frau, die sich für Entwicklungshilfe engagiert, gelesen – ein leidenschaftliches Plädoyer für Menschlichkeit, Mitgefühl und Offenheit. So weit, so sympathisch. Trotzdem bin ich ungefähr alle fünf Minuten mit einer schmerzerfüllten Grimasse zusammengezuckt, wenn Figuren oder Erzähler ihre Ansichten mit Sprüchen und Gemeinplätzen kundtaten, die mir von Motivationspostern oder aus pädagogisch wertvollen Liedern für Kleinkindergruppen vertraut waren.

Meine Meinung über dieses spezielle Buch stand schnell fest, aber seitdem begleitet mich die Frage: Ist es heute überhaupt noch möglich, Literatur zu schreiben, die optimistisch und leidenschaftlich zum Engagement für eine bessere Welt aufruft?

Das Problem ist, vermute ich, Folgendes: Optimisten haben Hoffnung, Zyniker die besseren Sprüche. Es ist einfach zu verlockend, sich desillusioniert-abgeklärt zu geben und zu wissen, dass man eine gute Figur macht, während man den Weg des geringsten Widerstands herunterschlendert.

Und in Büchern sind es meist die Figuren, die auf geistreiche Weise auf all die Gründe aufmerksam machen, warum die Spezies Mensch eine zum Untergang verdammte, selbst- und fremdzerstörerische Fehlkonstruktion ist, die die ganzen epischen Szenen bekommen. Na schön, in einigen dieser Szenen beweisen sie, dass sie nicht an ihre eigenen Worte glauben.

Aber dass mir der Gedanke, über einen ernstzunehmenden Protagonisten zu schreiben, der ohne Zweifel und Ironie seinen Glauben an das Gute im Menschen und die Chance auf eine bessere Zukunft bekundet, abwegig erscheint, hat wahrscheinlich etwas zu bedeuten.

Mein Eindruck ist, dass Fiktion und Realität eines gemeinsam haben: Mit nichts macht man sich so angreifbar wie mit Optimismus.

Irgendwie schade.

Bitte versteht mich nicht falsch: Als Leserin wie als Autorin würde ich die Bücher vermissen, in denen verbitterte, moralisch ambivalente Figuren ihre bissigen Beobachtungen machen – also: gerne mehr davon.

Aber ich finde es schon ein bisschen seltsam und eigentlich auch unverdient, dass Optimisten, Träumer und Helfer in der Literatur wie im realen Leben so viel Verachtung ernten. Tatsächlich fürchte ich, dass wir in einer Atmosphäre leben, in der unsere Resignation zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Vielleicht sollten wir denjenigen, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben und versuchen, anderen so gut es geht zu helfen und ihren kleinen Beitrag zur Lösung der großen, komplexen Probleme zu leisten, mit mehr Aufmerksamkeit und Achtung begegnen.

Mein Appell an all die bewundernswerten Menschen da draußen, die noch nicht resigniert haben: Tut weiter euer Bestes, um die Welt ein bisschen zu verbessern und haltet den vorherrschenden Narrativen eure eigenen, optimistischeren Versionen entgegen – aber bitte, bitte ohne sprachliche Klischees.

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Ein Gedanke zu „Ist optimistische Literatur überhaupt möglich?“

  1. Wir haben leider auch eine Literatur des bürgerlichen Selbstmitleids. Mal eine Bemerkung zu Bodo Kirchhoff, dem Preisträger der Frankfurter Buchmesse. Er erzählte, wie sein Buch „Widerfahrnis“ entstanden ist: Er traf im Italien-Urlaub auf ein betttelndes Flüchtlingsmädchen und gab ihm 20 Euro. O-Ton „Das war natürlich zu viel und irgendwie falsch. Ich konnte aber kein Geld zurückverlangen!“ Welch ein kleinlich spießiger Geiz!- Er wird wohl mit Sicherheit nicht in Flüchtlingslagern helfen … Flüchtlinge sind dazu da, in einen bürgerlich-innerlichen Roman gemischt zu werden, um die Absatzzahlen zu verbessern. Denn: Man/frau liest jetzt über Flüchtlinge. Vor Kurzem waren es noch Vampire. Mal sehen: Vielleicht kommen jetzt die Terroristen. Alles, was außerhalb des Mainstreams ist, wird nur von wenigen bibliophilen Geistern beachtet. Gott sei Dank haben wir davon einige auf der Messe getroffen.

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