Salman Rushdie: Mitternachtskinder

MitternachtskinderKlappentext

Am 15. August 1947, Schlag Mitternacht, wird Saleem Sinai geboren – begrüßt von Fanfaren und Feuerwerken, denn in genau diesem Moment erlangt Indien seine Unabhängigkeit. Wie alle Kinder, die in dieser Nacht das Licht der Welt erblicken, verfügt auch Saleem über eine besondere Gabe, die es ihm erlaubt, tief in die wechselhafte Geschichte seiner Familie und seines Landes einzutauchen…

Inhalt

Der 31-jährige, in einer Einlegefabrik zur Ruhe gekommene Saleem Sinai erzählt von der Geschichte seiner weit verzweigten Familie und seiner eigenen, die eng mit dem Schicksal Indiens und Pakistans verbunden sind und in denen es von grotesken Gestalten und unwahrscheinlichen Begebenheiten wimmelt.

Die detailreiche Erzählung setzt mit der Generation seiner Großeltern, indischer Muslime, ein und es geht mit seinen Eltern und deren Geschwistern weiter, bis sich die Geschichte schließlich auf Saleem fokussiert. Die Familie zieht immer wieder um, auch zwischen Indien und Pakistan, und bekommt viel von den politischen und religiösen Unruhen einer chaotischen Zeit mit.

Was nahezu alle Familienmitglieder gemeinsam haben und was wohl in Saleem einen Höhepunkt findet, ist die Tendenz, sich bei jeder neuen Entwicklung auf der Seite der Opfer wiederzufinden. Gerade Saleems Leben ist, obwohl von gewichtigen Vorzeichen eingeleitet, die ihm das Gefühl geben, etwas Bedeutendes zu erreichen und das Schicksal ganz Indiens verbessern zu müssen, eine Reihe von Fehlschlägen, Demütigungen und physischen und pyschischen Verletzungen.

Saleem hat, wie alle in der Nacht der Staatsgründung geborenen Kinder, einzigartige übernatürliche Fähigkeiten: Es ist eine telepathische Begabung, die es ihm erlaubt, die Geschichten und Motive seiner Eltern und Großeltern mit solcher Detailtreue zu erzählen und mit anderen Mitternachtskindern in Kontakt zu treten. „Mitternachtskinder“ hat zahlreiche eindeutig übernatürliche Elemente. Obwohl sie von großer Bedeutung für die Handlung sind, ist es kein Buch über das Übernatürliche. Das vielleicht wichtigste an Saleems Fähigkeiten ist, dass sie ihn für eine Rolle als Erzähler seiner Geschichte und der Geschichte eines ganzen Landes prädestinieren.

Figuren

In Saleems Leben spielt eine nahezu unübersichtliche Anzahl von Figuren eine Rolle. Am Rand tauchen immer wieder historisch verbürgte Gestalten auf, mit denen er auch interagiert, aber vor allem geht es um ihn und seine Familie. Alle Figuren sind lebendig geschildert und durchlaufen im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Entwicklungen (meist zum Schlechteren, da ihre Leben oft von unglücklichen Ehen und nachteiligen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen geprägt sind, was sich nicht sehr gut auf ihre Charaktere auswirkt). Sympathieträger muss man unter ihnen mit der Lupe suchen, aber sie halten dank der Plastizität, mit der sie geschildert sind, und des Mitgefühls, das sie trotz allem wecken, das Interesse des Lesers wach. Viele der Figuren neigen zu extremen Handlungen und einzelne Eigenschaften werden bis ins Groteske überzeichnet.

Saleem selbst – mit einer übergroßen, meist verstopften Nase, unattraktiven Zügen, einer großen Gabe und noch größerem Pech – wird immer wieder zum Opfer der Ereignisse und wenn er versucht, sie zu beeinflussen, geht dies meist spektakulär nach hinten los. Wie viele andere Figuren weckt er mehr Mitleid als Sympathie. Dennoch erwacht er in der Vorstellungswelt des Lesers zum Leben und handelt nachvollziehbar.

Stil

Der ältere Saleem ist der allwissende Ich-Erzähler der Geschichte. Er ist unzuverlässig, greift vor, deutet an, führt den Leser in die Irre und erzählt nicht nur seine Geschichte, sondern reflektiert auch viel über das Erzählen und sein gegenwärtiges Leben. Sein Erzählstil ist höchst eigenwillig und es liegt viel von seiner Persönlichkeit darin. Überall sieht er symbolische Verknüpfungen, auf die er gerne aufmerksam macht und obwohl man nie sicher ist, inwieweit man ihm vertrauen kann, erzählt er fesselnd.

Wie bereits gesagt wimmelt es in „Mitternachtskinder“ von grotesken Gestalten und unwahrscheinlichen Ereignissen, Geschichte trifft auf Magie, und man ist oft unsicher, wo Saleem wahrheitsgetreu berichtet, wo er Metaphern nutzt und wo seine blühende Fantasie aus ihm spricht, aber letztlich ist die Frage der Glaubwürdigkeit vollkommen irrelevant.

Saleem hat eine Vorliebe für das Abstoßende und schildert auch die unangenehmsten Begebenheiten aus seinem Leben in schonungsloser Detailtreue, wenn auch manchmal mit sonderbarer Distanz.

Fazit

Die Sprache von „Mitternachtskinder“ ist ungewöhnlich, intensiv und die Handlung von Symbolik und Verknüpfungen und dem Unglaublichen geradezu überladen. Das Buch überschüttet den Leser mit einer Vielzahl von Figuren und Eindrücken aus dem chaotischen, konfliktreichen Indien und Pakistan und hat einen eigenwilligen Erzähler. Es fällt mir schwer zu sagen, ob mir „Mitternachtskinder“ gefallen hat, aber es ist definitiv ein besonderes Buch.

 

Übersetzt von Karin Graf

 

btb Verlag, Dezember 2013

Imprint: btb Verlag

ISBN: 9783641118136

9,99 Euro auf Kobo

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s