Justin Cronin: Der Übergang (Passage-Trilogie, Buch 1)

Der+ÜbergangKlappentext

Bevor sie das Mädchen von Nirgendwo wurde – das Mädchen, das plötzlich auftauchte, die Erste und Letzte und Einzige, die tausend Jahre lebte –, war sie nur ein kleines Mädchen aus Iowa und hieß Amy. Amy Harper Bellafonte.

Das Mädchen Amy ist gerade einmal sechs Jahre alt, als es von zwei FBI-Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt wird. Man hat lange nach Amy gesucht: der optimalen Versuchsperson für ein Experiment, das nichts Geringeres zum Ziel hat, als Menschen unsterblich zu machen. Doch dann geht irgendetwas schief – völlig schief. Von einem Tag auf den anderen rast die Welt dem Untergang entgegen. Und nur eine kann die Menschheit vielleicht noch retten: Amy Harper Bellafonte

 

Inhalt

Der Übergang beginnt mit einer Reihe von Kapiteln, in denen wir viele verschiedene Personen kennen lernen: Amys Mutter, die, vollkommen allein gelassen und schließlich in ein Verbrechen verwickelt ihre Tochter zurücklassen muss. Einen Wissenschaftler, der im südamerikanischen Dschungel unterwegs ist und in einem plötzlich abreißenden Strom von E-Mails über eine sonderbare – und bald albtraumhafte – Entdeckungsreise schreibt. FBI-Agent Brad Wolgast, der im Auftrag einer mysteriösen Regierungsorganisation durch das Land reist, um Todeskandidaten für ein Experiment zu gewinnen. Die Nonne Lacey, die rasch erkennt, dass Amy nicht wie andere Kinder ist. Den Reinigungsmann Grey, der die Umgebung einer sonderbaren, nicht mehr menschlichen Kreatur sauber hält.

Doch dann wird Brad Wolgast aufgefordert, Amy für das Experiment zu entführen und alle Handlungsfäden laufen auf dem Versuchsgelände zusammen. Amy wird zur ersten Person, an der der Virus die gewünschten Effekte (Unsterblichkeit, schnelle Heilung,…) zeigt, aber die Leiter des Experiments hätten sich nie träumen lassen, was es aus ihren Vorgängern machen würde: nur noch vage menschenähnliche Monster – Virals.

Es ist Cronin gelungen, seine Viral-Vampire wirklich unheimlich zu schildern. Gerade die ersten von ihnen – die Zwölf – sind einerseits Bestien, die scheinbar gedankenlos alles in Stücke reißen, was sich bewegt. Andererseits scheint in ihnen noch etwas von den Menschen, die sie waren, übrig zu sein. Und allmählich lernen sie, die Träume und Gedanken von Menschen zu kontrollieren. Noch größer ist aber die Kontrolle, die sie über die von ihnen Infizierten ausüben. Diese verwandeln sich in kleinere, aber ebenso blutrünstige Versionen ihrer selbst.

Es gelingt Wolgast, Amy aus dem Epizentrum der Vampir-Apokalypse zu retten. Es folgt ein beinahe ein Jahrhundert dauernder Zeitsprung. Aus Zeitzeugenberichten oder Flugblättern nach empfundenen Passagen kann der Leser den Horror des Zusammenbruchs der bekannten Welt und die Rettung einiger weniger rekonstruieren.

Die Geschichte setzt in der „Kolonie“ wieder ein, wo neunzig Menschen, beschirmt von Scheinwerferlicht und Mauern und auf antiquierte Waffen und versagende Technologie zurückgeworfen, zu überleben versuchen.

Als Amy aus dem Nichts auftaucht, nimmt eine kleine Gruppe von Kolonie-Bewohnern das als Zeichen, sich auf den Weg zu machen und im ganzen postapokalyptischen, von durch Nahrungsmangel geschwächten, aber nichtsdestotrotz gefährlichen Virals verseuchten Amerika nach anderen Überlebenden und Antworten zu suchen.

Tatsächlich wird ihnen – und dem Leser – unterwegs einiges klar und es zeichnet sich sogar so etwas wie Hoffnung ab, aber es bleiben auch viele Fragen offen. Was hat es mit den telepathischen Fähigkeiten der Virals auf sich? Wer oder was ist Amy? Woher weiß Lacey Dinge, die sie eigentlich nicht wissen können sollte? Wieso schien Amy schon mehr als ein normales Kind zu sein, als die Leiter des Experiments noch nichts von ihrer Existenz wussten? Ist noch etwas anderes (Gott, Schicksal,…) im Spiel?

 

Figuren

Cronin gibt seinen Lesern Gelegenheit, die Figuren seines Romans gut kennen zu lernen. Man verbringt Zeit mit ihnen und lernt viel über ihre Vergangenheit und ihre Beziehungen.

Eine sehr sympathische Figur ist Brad Wolgast, dessen Ehe den frühen Tod seiner Tochter nicht überlebt hat und der schließlich Vatergefühle für Amy entwickelt. Ebenso Peter, der Mann aus der Kolonie, der sie fast hundert Jahre später begleitet. Ihre anderen Begleiter sind eine bunte Mischung von Charakteren und obwohl sie eine Mission haben (auch wenn sie selbst nur eine vage Vorstellung davon haben, worum es sich handelt), bleibt trotzdem genug Zeit, um die Wandlungen zu erkunden, die sie und ihre Beziehungen währenddessen durchlaufen.

Es gibt sehr viele Figuren und in der Mitte des Buches (natürlich) eine scharfe Zäsur, bei der so gut wie alle Figuren außer Amy ausgetauscht werden. Teilweise (gerade in der Kolonie) ist es ein wenig schwierig, im Kopf zu behalten, wer wer ist, aber es gibt immer wieder Ereignisse, die die Anzahl der relevanten Personen radikal reduzieren.

Obwohl es kurze Kapitel aus ihrer Sicht gibt, bleibt Amy dem Leser ein Rätsel. Einerseits macht sie das geheimnisvoll, andererseits bin ich am Ende des Buches mit dem Gedanken zurückgeblieben, dass es spätestens im Folgeband höchste Zeit für einige Enthüllungen wird.

 

Stil

Wie bereits gesagt, nimmt sich Cronin beim Schreiben die Zeit, seine Charaktere, aber auch die Welt, die er untergehen lässt (unserer sehr ähnlich, aber noch stärker von Kriegen, Armut und Ressourcenmangel gezeichnet) genau zu beschreiben. Das wird nicht langweilig, weil er geschickt eine bedrohliche Atmosphäre schafft – eine Ahnung des Untergangs, die auch scheinbar banalen Ereignissen etwas Bedrohliches verleiht. Der blutige Horror von Viral-Angriffen wird zwar auch geschildert, aber Cronin weiß, wann er sich darauf verlassen kann, dass die Fantasie des Lesers auch ohne Hilfe ein ausreichend entsetzliches Bild zeichnet.

Die meisten Kapitel werden linear und personal erzählt. Teilweise, wenn viel gleichzeitig passiert, springt der Erzähler schnell zwischen den Köpfen verschiedener Leute hin und her. Der Stil ist immer ein wenig dem Hintergrund der Figuren und ihrer teilweise verworrenen Denkweise angeglichen. Dazwischen gibt es aber auch Abschnitte, die ziemlich überzeugend Tagebucheinträgen, E-Mails, Flugblättern oder Ähnlichem nachempfunden sind.

 

Fazit

Cronin verwandelt das vielbearbeitete Thema der Zombie-/Vampir-Apokalypse in gut gemachten Horror und schafft große Nähe zu den Figuren, so dass man dem Untergang der Menschheit in seinem Buch nicht achselzuckend zusieht. Nicht alles ist perfekt gelungen und es gibt eine Szene die mir, obwohl handlungsrelevant, ein bisschen klischeehaft vorkommt. Aber im Großen und Ganzen ist das Buch sehr spannend, eindringlich und atmosphärisch – Letzteres vielleicht auch gerade, weil noch so viel verschwommen und unbeantwortet bleibt (was aber auch nach hinten losgehen kann, falls Teil 2 & 3 die versprochenen Antworten entweder nicht oder auf enttäuschende Weise liefern).

Englischer Originaltitel: „The Passage“, übersetzt von Rainer Schmidt

Goldmann Verlag, September 2010

Imprint:Goldmann Verlag

ISBN:9783641050672

8,99 Euro bei Kobo

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