Ian McEwan: Kindeswohl

KindeswohlKlappentext

Familienrecht ist das Spezialgebiet von Fiona Maye, Richterin am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. In ihrer eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Da unterbreitet ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag. Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht.

Inhalt

Fiona Maye wird völlig aus der Bahn geworfen, als ihr Mann ihr erklärt, er vermisse Leidenschaft in ihrer Ehe und wolle daher ihre Erlaubnis für eine Affäre. Daher ist sie beinahe erleichtert, als ihr folgender Fall präsentiert wird: Der siebzehnjährige Adam, Sohn zweier Zeugen Jehovas und selbst Anhänger dieser Religion, verweigert die Annahme einer lebensrettenden Bluttransfusion. Nun stellt sich die Frage, ob sich das Gericht über seine Wünsche und die seiner Eltern hinwegsetzen kann.

Spontan entscheidet Fiona, ihn kennen zu lernen und in dieser kurzen Begegnung wird der Keim für eine komplizierte Beziehung gelegt.

Durch das ganze Buch schimmert hindurch, dass McEwan exemplarisch große gesellschaftliche und ethische Fragen verhandeln möchte. Es geht um Wissenschaft und Religion, Wahlfreiheit und Fehlurteile, und die eigentlich unmögliche Aufgabe, die Richtern auferlegt ist.

Außer Adams Fall werden auch noch andere Fälle beschrieben, wobei die Darstellung von Gerichtsprozedere und Juristenszene auf sorgfältige Recherchen schließen lässt.

Das ganze Buch ist sehr kurz und sehr verdichtet, mit wenigen Figuren, aber einer Vielzahl sich überlagernder Beziehungen und Konflikte.

Figuren

Die alternde Richterin Fiona ist in ihrer Ehe glücklich, aber leidet sehr unter ihrer Kinderlosigkeit, was auch in ihre Beziehung zu Adam mithineinspielt. Sie ist eine hochintelligente, sehr professionelle Juristin, die von ihren Fällen trotz ihres Bemühens um Objektivität nicht unberührt gelassen wird. Aus Zweifeln und Konflikten, Erinnerungen und Dialogen zeichnet McEwan das behutsame, präzise Portrait einer sehr sympathischen Figur.

Adams Sympathiewerte hingegen schwanken. Mal ist er der Hauptdarsteller in seinem persönlichen Melodrama, mal ein verblüffend scharfsinniger, sympathischer junger Mann, der sich und sein Umfeld treffend analysiert. Auf jeden Fall aber ist er ist auch eine tragische, verlorene Figur, unsicher, ob er irgendwo außerhalb seiner Religion Halt finden kann.

Auch die anderen Figuren sind gut getroffen, die Kleinigkeiten, die Aufschluss über ihre Beziehungen geben und von ihnen ihrerseits bemerkt werden, hervorragend beobachtet und beschrieben.

Sprache

McEwans Prosa ist gewohnt elegant und vermittelt einem ein intensives Gefühl der Nähe zu Fiona. Ihr Bewusstseinsstrom ist überzeugend wiedergegeben und immer wieder auftauchende Motive geben dem Buch etwas Rundes, Geschlossenes. Präzise, ungewöhnliche Beschreibungen erzeugen einen neuen Blick auf Vertrautes.

Fazit

Ein kurzer, gut komponierter Roman, der zur Identifikation mit der Hauptfigur einläd, zum Nachdenken anregt und mit seiner Sprache überzeugt.

 

Übersetzt von Werner Schmitz

Diogenes, Januar 2015

Imprint: Diogenes

ISBN: 9783257604528

Sprache: Deutsch

 

 

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