Warum Entweder Oder?

Ein Kommentar zum neuen Literatur-Spiegel (und der Darstellung – oder Nicht-Darstellung – von Fantasy in Mainstream-Medien allgemein).

Heute ist – pünktlich zur demnächst stattfindenden Frankfurter Buchmesse – das erste Exemplar des Literatur-Spiegels angekommen, der die Nachfolge der „Kulturspiegel“-Beilage des Spiegel-Magazins antritt. Ich habe die Zeitung interessiert gelesen (eine gute Kombination aus ausführlichen Besprechungen, kurzen Kommentaren und Leseproben), aber mir ist wieder eines aufgefallen: Offenbar sind die einzigen Orte, an denen Fantasy in „seriösen“ Zeitungen auftaucht, deren Bestseller-Listen.

Ich finde das schade und nicht wirklich zeitgemäß, immerhin richtet sich das Genre nicht mehr länger nur an ein Nischenpublikum.

Die früher nahezu ausschließlich jugendlichen Leser von Fantasy-Romanen sind erwachsen geworden und fordern Bücher, die stilistisch und inhaltlich den Standards belesener Erwachsener genügen und sich auf nicht vereinfachende Weise mit eben den Themen auseinandersetzen, die auch in der realen Welt – meist traurige – Relevanz besitzen.

Bücher, die eben diesen Standards auf bewundernswerte Weise gerecht werden, werden meist nur auf spezialisierten Seiten (viele davon sehr gut, aber leider nur durch gezielte Suche auffindbar) oder in Fanzines gewürdigt. Das ist nicht nur für ihre Autoren und Stammleser schade, sondern auch für diejenigen, die nicht wirklich die Zeit hatten, sich in den gewaltigen Bestand von Fantasy-Romanen einzulesen und daher, wenn sie dann einen Fantasy-Roman in die Hand nehmen, oft nach dem Buch greifen, was alle zu lesen scheinen – und das sind allzu häufig nicht die besten Bücher (Ausnahmen: Martin, Sanderson, Weeks, Lawrence – diese Autoren erhalten genau die breite Anerkennung, die sie verdienen).

Leider funktioniert das aber auch in beide Richtungen. Viele Fantasy-Leser lesen nahezu ebenso exklusiv Fantasy, wie andere das Genre ablehnen. Ich glaube daher, dass beide Seiten profitieren würden, wenn die weit verbreiteten Kulturzeitungen Fantasy und „realistische“ Literatur gleichberechtigt nebeneinanderstellen würden, so dass Leser aller Genres gelegentlich auch in andere Richtungen gucken und dort wertvolle Anregungen finden können.

Warum lesen so viele Leute entweder Fantasy oder „realistische“ Bücher?

Natürlich haben alle Vorlieben und wenn man einmal herausgefunden hat, was einem gefällt, kann das einem viel Suchen ersparen, aber ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, gelegentlich auch Ungewohntes auszuprobieren.

Es gibt wirklich keinen Grund, die Genres auf diese Weise in den Mainstream-Medien zu separieren. Zwar sind Fantasy-Autoren teilweise mit anderen Freiheiten ausgestattet, aber auch mit anderen Herausforderungen konfrontiert als die Autoren anderer Genres (z.B. dem Leser all die nötigen Informationen über den Weltentwurf zu vermitteln, ohne die Handlung zu verlangsamen). Aber andererseits werden auch an Krimis andere Anforderungen gestellt als an Familienromane und trotzdem werden diese gleichberechtigt nebeneinander rezensiert.

Denn letztlich sind es dieselben Dinge, die von jedem guten Buch erwartet werden: Innovation, Spannung, überzeugende, faszinierende Charaktere und Gedanken, die einen noch eine Weile nach der Lektüre begleiten.

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