„Realistische“ Fantasy

Wahrscheinlich klingt es ein wenig merkwürdig, in einem Genre wie Fantasy, dass für Magie, Fabelwesen und dafür bekannt ist, eine Szene lieber episch als realistisch zu machen, die Kategorien von Realistisch und Unrealistisch – oder vielleicht lieber „glaubwürdig“ und nicht „glaubwürdig“ –  anzulegen, aber irgendwie tue ich es doch immer. Vielleicht sogar mehr als in anderen Genres – immerhin wird ein Leser, der freundlicherweise die Existenz von Menschen mit übernatürlichen Kräften akzeptiert hat, nicht auch noch eine fadenscheinige Erklärung dafür schlucken wollen, wieso diesen immer wieder die unwahrscheinlichsten Zufälle zu Hilfe kommen. Ich habe also einmal ein paar Tricks zusammengetragen, mit denen Autoren ihre Welten und Figuren „realistisch“ wirken lassen.

  1. Differenzierte Figurenzeichnung

Figuren mit menschlichen Stärken und Schwächen, denen in den unglaublichen Situationen, in die sie geraten, genau dieselben Gedanken und Zweifel durch den Kopf gehen, mit denen wohl jeder konfrontiert wäre und denen nicht immer alles gelingt (Wichtig: Keineswegs mit einer Figur zu verwechseln, deren Eigenschaften sich darauf beschränken, dass sie normal ist). Die Figur sollte auch Gedanken und Interessen, eine Zukunft und Vergangenheit jenseits ihrer großen Aufgabe haben, wenn sie eine solche hat. Sehr schön ist das, wie ich auch in der Rezension geschrieben habe, in „The Alloy of Law“ realisiert, wenn Waxillium nicht nur auf der Suche nach seinem Gegner gezeigt wird, sondern auch dabei, wie er zu Anfang versucht, sich in das Leben in der Stadt hineinzufinden und über seine Familie nachdenkt.

Auch glaubwürdige Entwicklungen sind entscheidend. Eine der gelungensten Entwicklungen, die ich gelesen habe, ist die von Kip Guile in Brent Weeks‘ ausgezeichneter Lightbringer-Serie. Von einem übergewichtigen Außenseiter mit einer drogensüchtigen Mutter und Selbstwertproblemen wird er zu einem mächtigen Magier und fähigen Anführer. Das ist zwar ein riesiger Entwicklungsschritt, aber er vollzieht sich allmählich und ist glaubwürdig, weil der Leser von Anfang an das riesige Potenzial in Kip erahnt. Er lässt jedoch selbst im vierten Band seine ursprünglichen Eigenschaften und Einstellungen nicht zur Gänze hinter sich, was Teil dieser gelungenen Entwicklung ist.

Die meisten Menschen sind nachhaltig von ihrem Hintergrund geprägt und für Buchfiguren sollte dasselbe gelten. Rebecca Gablé schreibt zwar keine Fantasy, aber eignet sich hier trotzdem als gutes Beispiel: Die Figuren aus ihren historischen Romanen sind kluge, kritische Männer und Frauen, bleiben aber trotzdem Geschöpfe ihrer Zeit, die keineswegs mühelos über religiöse Überzeugungen oder Standesgrenzen hinwegblicken.

Es ist auch wichtig, dass alle Charaktere glaubwürdige Motive haben. Der Er-ist-verrückt-und-will-deshalb-die-Welt-zerstören-Antagonist kann Spaß machen, aber lässt die Geschichte für mich doch immer konstruiert wirken.

  1. Alles ist schrecklich, also muss es real sein

Ein Blick in die Nachrichten genügt, um einem einen pessimistischen, desillusionierten Blick auf die Welt und die Menschheit im Allgemeinen zu vermitteln. Traurig, aber wahr: Eine Sekundärwelt voller Chaos, Armut und Gewalt wird den Leser wahrscheinlich immer an die Realität erinnern. Mark Lawrences „Broken Empire“ – eine Welt, die ins Mittelalter zurückgefallen ist und in der Menschen nur Rücksicht üben, wenn sie sich etwas davon versprechen – ist nur zu plausibel.

Auch hässliche Details können eine große Wirkung entfalten. Bunt schillernde Magie signalisiert „unreal“ – die blutige Masse, in die das auftreffende magische Geschoss einen Menschen verwandeln kann, das Gegenteil. Ein weiterer Indikator für „Realismus“ ist, wenn in einer Welt, in der ohnehin ständig Leute zu sterben scheinen, auch die Hauptfiguren nicht sicher sind.

Bernhard Hennen – vielleicht deshalb bekennender George R.R. Martin-Fan ist, weil er in dessen Einstellung zu seinen Point-of-View-Charakteren einen Seelenverwandten gefunden zu haben scheint – gelingt das sehr gut, wenn er in seiner Elfen-Reihe mit schmerzhafter Detailversessenheit beschreibt, was die Kriege, die in und um Albenmark ausgefochten werden, für die ihre oft nur zufällig in sie verwickelten Opfer bedeuten. Er hat sich auch in „Elfenlicht“ und „Elfenkönigin“ in seiner Beschreibung der Koboldrebellion nicht nur an Zitaten aus historischen Revolutionen bedient, sondern auch an dem Fakt, dass der Sturz der zugegebenermaßen schlechten alten Ordnung noch lange keine Verbesserung garantiert. Ein weiterer realistischer Aspekt ist seine Auseinandersetzung mit Geschichte, Religion und Überlieferung, die zeigt, wie historische Ereignisse versehentlich verfälscht oder politisch instrumentalisiert werden.

Diese Übernahme unangenehmerer Eigenschaften der realen Welt hat auch Gesa Schwartz in ihrer Grim-Trilogie geholfen, ihre schillernde, magische Anderswelt nicht in ein idealisiertes Märchenland zu verwandeln. In Groghonia, der Stadt der Gargoyles, gibt es Rassismus, eine aufgeblähte Bürokratie und eine zutiefst von Ungerechtigkeit durchdrungene Gesellschaft, deren Reformation ein zäher Prozess ist. Und nicht zuletzt möchte ich hier ein schönes Zitat aus „Die Flamme der Nacht“ erwähnen: „K’ayrhon arrs Thumon“ – es ist das Motto eines Ordens vampirischer Dämonenjäger und bedeutet „Jeder wird, was er jagt.“

  1. Details im Allgemeinen

Aber es müssen nicht notwendigerweise hässliche Details sein. Gerade, wenn es gilt, eine Sekundärwelt zum Leben zu erwecken, sind es gerade die scheinbar irrelevanten Details, die dem Leser den Eindruck vermitteln, dass die Welt jenseits des unmittelbaren Handlungsortes weitergeht, dass sie vor der eigentlichen Handlung existiert hat und danach weiterbestehen wird (es sei denn, dem Autor ist es wirklich ernst damit, eine apokalyptische Geschichte zu schreiben). Was hierzu sehr wichtig ist, ist einen Einblick in das Alltagsleben der Figuren zu geben – was machen sie eigentlich, wenn sie nicht gerade die Welt retten?

Ein Meister der Details ist Brandon Sanderson, was er in seiner „Stormlight Archives“-Serie besonders eindrucksvoll unter Beweis stellt, in der er Geographie, Wetter, Flora und Fauna, aber auch Staaten, Gesellschaften, Religionen und Formen von Magie geschickt beschreibt – und all die Details auf glaubwürdige Art und Weise miteinander verbindet. Es gibt nicht nur Stürme von zerstörerischer Wucht, die regelmäßig über das Land fegen – sie haben die Evolution nachhaltig beeinflusst. Die Gesellschaft der Alethi hat nicht nur ein eigenes Verständnis von Geschlechterrollen – es prägt das Leben der Figuren vielfach. Und so weiter. Und darüber hinaus gelingt es ihm, dem Leser genug Informationen über die Welt zu geben, dass dieser sie sich lebhaft ausmalen kann, ohne ihn darunter zu ersticken oder den Lesefluss zu verlangsamen.

Es müssen auch die richtigen Details sein. So bringt es vielleicht weniger, die Architektur der Paläste im Zentrum einer Stadt bis hin zum letzten Mosaik zu beschreiben, als vielleicht einzuwerfen, dass es sich um einen Knotenpunkt von wichtigen Handelsrouten handelt, wodurch die Bewohner der Stadt reich genug wurden, um sie zu bauen. Es sind die Verknüpfungen von Details, die diese relevant und glaubwürdig machen.

  1. Handlung

Das Leben ist von Zufällen und plötzlichen Wendungen geprägt, aber in Büchern wirken diese allzu schnell künstlich. Besonders in Fantasy. Nicht umsonst ist die Rettung durch die Adler in „Der Herr der Ringe“ ein Lieblingsbeschwerdepunkt zahlreicher Fans und Nichtfans (und nicht nur, weil dadurch das berühmte Plot-Hole entsteht). Natürlich gibt es Bücher, in denen man zu erleichtert über die Rettung einer Figur ist, um dem Autor übelzunehmen, dass es sich um Deus-ex-Machina handelt, aber in anderen wiederum fällt es unangenehm auf. Es hinterlässt auch einen komischen Nachgeschmack, wenn am Ende alles durch Magie gelöst wird und die übriggebliebenen Helden nicht einmal mehr aufräumen müssen. Allerdings kommt das auf das Buch an. Foreshadowing ist entscheidend. Obwohl das Buch nicht ganz in derselben Liga spielt wie die anderen Bücher, die ich hier anführe, hat Edward W. Robertsons „The Great Rift“ hier eine lobende Erwähnung verdient: Die Hauptfigur bastelt über das ganze Buch hinweg an dem Zauber, der schließlich das Blatt wendet und so fühlt sich die Auflösung schließlich doch befriedigend an. Außerdem bleiben in diesem Fall definitiv einige Aufräumarbeiten zu erledigen.

Natürlich war das noch lange nicht alles und es hätte sich durchaus gelohnt, ausführlicher über einige Punkte zu sprechen. Zum Beispiel über Beziehungen. Wenn Figuren einander als Seelenpartner erkennen, ohne je mehr als ein paar Worte gewechselt haben, kommt einem dies schon etwas merkwürdig vor. Das Gegenteil allerdings auch, wenn Figuren allein dadurch zurückgehalten zu werden scheinen, dass der/die Autor/in sie nicht zu schnell zusammenkommen lassen will – und sich deshalb einen fadenscheinigen Grund einfallen lässt.

Sprache ist noch ein Punkt. Sprechen die Figuren in einer Art und Weise, die ihrer Zeit/ ihrem Hintergrund angemessen ist? Entspricht die Erzählsprache ihrer Denkweise? Denn selbst wenn in der dritten Person geschrieben wird, folgt der Erzählstrom schließlich oft dem Bewusstsein der Figur und sollte sich daran anpassen, wie sie denkt (das war einer der wenigen, aber leider durchgängig vorhandenen Punkte, der mich an „Elfenwinter“ und „Elfenlicht“ nicht zur Gänze überzeugen konnten: Die Elfen denken und drücken sich auf eine Art und Weise aus, die ich bei jahrhundertealten, tiefsinnigen Perfektionisten wie ihnen nicht erwartet hätte. Ein ganz ähnliches Problem habe ich auch mit Markus Heitz‘ Vampir- oder Albae-Protagonisten).

Es sind nur ein paar Beobachtungen, die ich gemacht habe – und wenn man sich bei Fantasyromanen – oder Romanen im Allgemeinen – auf eines verlassen kann, dann darauf: Wann immer du glaubst, eine Regel identifiziert zu haben, taucht irgendein Autor auf, der sie vollkommen ignoriert und trotzdem ein eindrucksvolles Buch schreibt.

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