Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt

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„Du hast die Krone bekommen. Also trag sie auch. Und zwar allein.“

Brandenburg 929: Beim blutigen Sturm durch das deutsche Heer unter König Heinrich I. wird der slawische Fürstensohn Tugomir gefangen genommen. Er und seine Schwester werden nach Magdeburg verschleppt, und schon macht sich Tugomir einen Namen als Heiler. Er rettet Heinrichs Sohn Otto das Leben und wird dessen Leibarzt und Lehrer seiner Söhne. Doch noch immer ist er Geisel und Gefangener zwischen zwei Welten. Als sich nach Ottos Krönung die Widersacher formieren, um den König zu stürzen, wendet er sich mit einer ungewöhnlichen Bitte an Tugomir, den Mann, der Freund und Feind zugleich ist…

Inhalt

„Das Haupt der Welt“ verfolgt über mehr als ein Jahrzehnt die Lebenswege Tugomirs und seiner Schwester Dragomira, aber auch die Ottos und seiner Brüder und gibt dabei Einblicke in die Lebenswelt von Sachsen und Slawen im 10. Jahrhundert. Rebecca Gablé hat sorgfältig recherchiert und so erhält der Leser Einblicke in Gesellschaft und Alltagsleben, Mythologie, Heilkunde und Kultur, die die von ihr beschriebene Welt glaubwürdig zum Leben erwecken.

Tugomir ist der jüngere Sohn eines slawischen Fürsten und zum Priester und Heilkundigen bestimmt, aber seine Gefangennahme durch die Sachsen ändert alles. In den folgenden Jahren muss er um jedes Bisschen Kontrolle über sein Leben kämpfen und hohe Risiken eingehen, um andere Slawen zu schützen. Der durchgängige Kontakt mit seinen Feinden und ihrer fremden Lebensweise und Religion zwingt ihn auch, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.

Parallel wird die Geschichte Ottos und seiner Familie erzählt. Die Söhne und Töchter Heinrichs und auch seine zweite Frau Mathildis haben komplexe, konfliktreiche Beziehungen zueinander und sind in ein enges Netzwerk von Machtansprüchen und Loyalitäten eingebunden. Das Reich und die Machtfülle, die Otto erbt, sind riesig, doch seine Probleme ebenso. Gablé schafft es, die Vielzahl widerstreitender Interessen, die er mit einkalkulieren muss, in all ihrer Komplexität darzustellen.

Permanent durch die Ungarn bedroht und an der Ostgrenze in einen scheinbar endlosen Kleinkrieg mit den Slawen verwickelt wäre sein Reich auch dann alles andere als sicher, wenn er nicht ständig mit dem Verrat durch seine engsten Verbündeten rechnen müsste.

Die Handlung folgt den Lebenswegen der zahlreichen Protagonisten über eine lange Zeit hinweg, teilweise jedoch mit jahrelangen Zeitsprüngen. Sie läuft nicht stringent auf einen Höhepunkt zu, sondern ist von unerwarteten Wendungen geprägt. Trotzdem gelingt es der Autorin, sie zu einem befriedigenden Ende zu führen, obwohl der eigentliche Showdown Ergebnis einer sehr plötzlichen Entwicklung ist, ohne vorher lange aufgebaut zu werden.

Figuren

Tugomir ist als Priester, Heiler und schließlich scharfsichtiger, mit natürlicher Autorität ausgestatteter Fürst mit vielleicht ein paar Begabungen und Charakterstärken zu viel gesegnet, um zur Gänze realistisch zu sein, aber andererseits macht genau dies ihn zu einem Charakter, über den man gerne liest. Im Laufe des Buches lernt man ihn gut kennen: einen klugen, stolzen, teilweise überraschend kaltblütigen Mann, der es schafft, selbst in einer Position nahezu vollkommener Machtlosigkeit seine wenigen Trümpfe geschickt auszuspielen und sich entwickelt, obwohl er trotzdem fest in den Vorstellungen seiner Zeit und Kultur verwurzelt bleibt.

Seine Schwester Dragomira ist ein gutes Gegenstück zu ihm. Während Tugomir seine verlorene Heimat idealisiert und sich dorthin zurücksehnt, ist Dragomira, die dort ohne eigenes Verschulden nur Ablehnung gefunden hat, eher gewillt, sich an die Sachsen anzupassen.

Otto ist ebenfalls eine interessante Figur. Im Laufe des Buches erlebt der Leser seine allmähliche und glaubwürdige Transformation von einem idealistischen jungen Mann zu einem starken, rücksichtslosen König, der seinen Machtanspruch mit Zähnen und Klauen verteidigt. In einigen seiner Ideen, zum Beispiel der Verantwortung der Könige und Adligen gegenüber ihren Untertanen, ist er sehr modern, sein missionarischer Eifer hingegen macht ihn hin und wieder anstrengend. Seine Zweifel daran, ob er seiner Aufgabe gewachsen ist und seine enge Beziehung zu der angelsächsischen Prinzessin Editha, die als hochgebildete Frau und starke Persönlichkeit schnell zu einer wertvollen Unterstützerin für ihn wird, sind sehr sympathische Züge an ihm, und es tut einem leid, wenn Otto miterleben muss, wie geliebte Weggefährten und Familienmitglieder sterben oder die Seiten wechseln, obwohl er daran alles andere als unschuldig ist.

Thankmar, sein Halbbruder, ist hin und hergerissen zwischen der Loyalität zu seinem jüngeren Bruder, und dem Gefühl, übergangen worden zu sein. Auch er ist lebhaft und differenziert geschildert und seine Beziehung zu Egvina, die eine ebenso starke Persönlichkeit, aber das absolute Gegenteil ihrer Schwester Editha ist, ist schön zu lesen.

Überhaupt werden in dem Buch zahlreiche Beziehungen geschildert, in denen zwei starke Persönlichkeiten sich aufrichtig lieben und unterstützen (und die Macht von Königinnen, Fürstinnen und Stiftsdamen ist keineswegs zu unterschätzen). Selbst Henning, der charakterschwächste und nervtötendste von Ottos Brüdern hat eine Frau, die er aufrichtig liebt. Und auch Tugomir findet an unerwarteter Stelle die Frau seines Lebens. Doch auch hier kommt der Realismus nicht zu kurz. Oft müssen die Figuren einen hohen Preis zahlen, um zusammenzufinden, oder sind gezwungen, sich nach dem Verlust eines Partners wieder zu fangen und schließlich neue Beziehungen einzugehen oder ihrem Leben sogar eine völlig andere Richtung zugeben.

Auch die Nebenfiguren sind markante Gestalten mit glaubwürdigen Motiven. Allein Tugomirs Nemesis Gero ist sehr einseitig geschildert.

Dadurch, dass mehr oder weniger alle Figuren irgendwie miteinander interagieren und die Geschichte aus zahlreichen Blickwinkeln erzählt wird, hat der Leser Gelegenheit, dieselben Figuren und Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und weiß oft nicht, auf wessen Seite er nun steht.

Stil

„Das Haupt der Welt“ ist in einem angenehmen, flüssigen Stil verfasst, der sich subtil der Person anpasst, aus deren Perspektive geschrieben wird. Die Sprache ist für moderne Leser gut zu lesen, ohne mit dem historischen Setting zu brechen.

Obwohl es in der Mitte des Buches einige kleine Längen gibt, werden allzu lange ereignislose Perioden meist durch geschickte Wechsel in Zeit und Ort vermieden.

Fazit

„Das Haupt der Welt“ ist ein unterhaltsamer, komplexer Roman, der die Epoche, in der er spielt, in farbenprächtigen Bildern darstellt. Mir hat besonders Tugomir als Hauptcharakter gefallen, der das Beste aus seiner undankbaren Rolle als Mittler zwischen Eroberten und Invasoren macht und vom Opfer rasch wieder zum Akteur wird. Auch, dass die relativ selten in historischen Romanen erwähnte slawische Kultur eine so große Rolle spielt, ist mir sehr positiv aufgefallen.

Es empfiehlt sich allerdings, „Das Haupt der Welt“ am Stück zu lesen, da die ungeheure Vielzahl an – teilweise sehr bedeutenden – Nebenfiguren sonst sehr verwirrend sein kann. Glücklicherweise gibt es ein Personenverzeichnis.

Auch das Nachwort, in dem die Autorin Fiktion und historische Wahrheit identifiziert, ist einen Blick wert.

Bastei Entertainment, Oktober 2013

Imprint:Bastei Entertainment

ISBN:9783838746289

 

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