Bernhard Hennen: Elfenwinter

KlappentextElfenwinter

Das sagenumwobene Fest der Lichter ist das wichtigste Ereignis in ganz Albenmark, schließlich versammeln sich zu diesem Anlaß die Fürsten aller Elfenstämme um ihrer ebenso schönen wie kühlen Königin Emerelle die Treue zu schwören. Eigentlich ein Fest der Freude, doch unter der prunkvollen Oberfläche des Hofes regieren Neid und Missgunst. Als ein Mordanschlag auf die Königin verübt wird, flammt ein seit Jahrhunderten gewonnen geglaubter Krieg wieder auf…

Handlung

Im Gegensatz zur Geschichte von „Die Elfen“, die ein geschicktes Update der Idee einer mittelalterlichen Queste ist und beinahe ein Jahrtausend umspannt, ist „Elfenwinter“ die dichte, rasante Erzählung. Sie beschreibt einen kurzen, ereignisreichen Ausschnitt aus einem Krieg zwischen Elfen und Trollen, der – einer der großen Pluspunkt von Bernhard Hennens (und im Fall von „Die Elfen“ auch James Sullivans) komplexen Werk – seine Wurzeln weit in der Vergangenheit hat und auf vielfältige Weise in die Zukunft hineinwirkt. Er beginnt jäh mit der Rückkehr der als vertrieben geltenden Trolle.

Emerelle wird schwer verletzt und von ihrem Leibwächter Ollowain und seinen mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Gefährten in die Menschenwelt gebracht. Führerlos und uneinig haben die Elfenvölker den Trollen wenig entgegenzusetzen.

Ollowain bleibt nichts anderes übrig, als Emerelle bei seinem Ziehsohn Alfadas zu verstecken. Alfadas ist in der Welt der Elfen aufgewachsen, hat sie aber nach einer unglücklichen Liebe verlassen und ist nun Oberhaupt eines Menschendorfes, wo er auch eine Familie hat.

Schließlich kommt es zum Bündnis zwischen Menschen und Elfen und Alfadas führt auf Befehl seines Königs ein Heer nach Albenmark, um dort eine Burg der Elfen gegen die Trolle zu verteidigen…

So weit, so einfach, aber schnell fächert sich die scheinbar schlichte Geschichte mit ihren klar verteilten Rollen in ein Panorama von vielfältigen Interessen und Perspektiven auf, in die geschickt mehrere – teilweise sehr tragische – romantische Subplots eingeflochten sind.

Überhaupt ist das Buch teilweise so düster, dass man sich als Leser gar nicht so sehr über die zwei Szenen aufregt, die tatsächlich sehr in die „Deus ex Machina“-Richtung gehen, sondern sich einfach freut, dass ausnahmsweise einmal etwas gut ausgeht.

Weltentwurf

Tatsächlich gibt es im Elfen-Universum fünf Welten, von denen drei den Figuren zugänglich sind. Nur Albenmark und die Menschenwelt spielen in „Elfenwinter“ eine Rolle. Sie alle teilen einen Schöpfungsmythos, auf den immer wieder verwiesen wird und der weitaus mehr als ein Mythos ist.

Zwischen den Welten liegt eine von bösartigen Geistern bevölkerte Finsternis, die von sogenannten „Albenpfaden“ durchschnitten wird, sicheren Wegen, die von Magiern und denen, die von ihnen geführt werden, beschritten werden können.

Albenmark ist die Welt der Elfen, Trolle, Blütenfeen, Zentauren, Faune, Kobolde. Diese Vielzahl von Wesen wird so eingeführt, dass sie keineswegs eine Kulisse aus Fantasy-Kitsch darstellen. Bei aller gelegentlicher Groteskität sind sie überzeugende Figuren, die sich zu einem stimmigen Ganzen fügen.

Die Menschenwelt beherbergte eine Vielfalt von Ländern und Kulturen (im Verlauf der gesamten Saga kann man verfolgen, wie sich diese mit der Zeit verändern und entwickeln). In Elfenwinter werden jedoch alle Orte außer dem „Fjordland“ nur am Rande erwähnt.

Die Bewohner des Fjordlandes erinnern stark an Wikinger (Gesellschaftsstruktur, Begriffe, Götter, Entwicklungsstadium, Handel,…) und lassen, ohne bloße Kopien zu sein, vermuten, dass hier sehr viel sorgfältige Recherche eingeflossen ist.

Figuren

Obwohl der Klappentext Anderes vermuten lässt, tritt Emerelle im gesamten Buch nur zwei Mal aktiv in Erscheinung. Stattdessen sind es Figuren wie Alfadas und Ollowain, Asla und Orgrim, die die Handlung vorantragen.

Ollowain ist Vertrauter und Leibwächter Emerelles, obwohl sein Idealismus, seine Aufrichtigkeit und sein Ehrgefühl ihn in vielem zum absoluten Gegenteil einer Königin machen,  für die der gute Zweck jedes Mittel heiligt. Wäre das Buch nur die Geschichte eines Trollkriegs hätte Ollowain leicht eine Figur ohne Tiefe werden können, die sich furchtlos durch Reihe um Reihe von Trollen metzelt. Doch der Leser erlebt ihn auch dabei, wie er wider Willen Gefühle für Lyndwyn, eine Magierin von zweifelhafter Vertrauenswürdigkeit, entwickelt. Er ist gezwungen, sich mit einem Vater – und einem ganzen Volk – auseinanderzusetzen, die ihn wegen seiner Unfähigkeit, Magie zu wirken, nie als ihresgleichen akzeptiert haben.

Auch Alfadas ist nicht nur ein strahlender Held, sondern auch eine komplexe, melancholische Figur. Halb will er Teil der menschlichen Gesellschaft sein, halb sehnt er sich zu den Elfen zurück, unter denen er jedoch auch ein Außenseiter wäre. Er hat auch seine unglückliche Liebe zu der Elfe Silwyna nicht vergessen.

Seiner Frau Asla entgeht seine Zerrissenheit nicht. Im Laufe des Buches stellt sie sich als eine starke, tatkräftige Protagonistin heraus, als sie gezwungen ist, Alfadas‘ Rolle einzunehmen.

Einer der interessantesten Point-of-View-Charaktere ist der Troll Orgrim. Als genialer Stratege, der immer wieder mit neuen Ideen aufwartet und dessen Ehrgeiz es ist, trotz der starren Gesellschaftsstrukturen der Trolle und dem Neid und der Missgunst seines Königs aufzusteigen, hebt er sich einerseits von den anderen Trollen ab. Zugleich ist er aber zutiefst von ihrer Kultur geprägt und gibt dem Leser überzeugende Einblicke in ihre Denkweise und Motivation.

Wie häufig in epischer Fantasy wimmelt es in „Elfenwinter“ von Figuren, viele davon mit tragenden Rollen, und sie alle hier aufzuzählen würde zu weit führen. Viele von ihnen sind sehr prägnant und überzeugend gezeichnet, mein einziger Kritikpunkt ist nur, dass die Trolle gelegentlich zu dumm erscheinen und vielleicht zu viele Beispiele selbstmörderischen Heldentums vorkommen.

Überhaupt ist Heldentum ein großes Thema bei Bernhard Hennen. Viele seiner Figuren entsprechen dem Urbild des Helden – Charaktere, die große Opfer bringen um geliebte Personen zu verteidigen oder ihre Ideale nicht zu verraten. Gleichzeitig zeigt das Buch auch immer wieder auf, wie traditionelle Ideen von Heldentum in den Dienst von Machtinteressen gestellt werden.

Hennens Helden sind meist bewundernswerte, integre Figuren – vor allem aber häufig eines: tragische Helden.

Stil

An Hennens Stil musste ich mich am Anfang des Buches erst gewöhnen. Seine Sätze sind oft sehr kurz und simpel und er verwendet viele Ausrufezeichen. Diese Schlichtheit wird jedoch durch ein gutes Gespür für die richtige Wortwahl ausgeglichen und entspricht vielleicht auch der rasant fortschreitenden, actionreichen Handlung.

Trotzdem gibt es hier und da kleine Makel, die einem sehr pedantischen Leser auffallen, z.B. Elfen, die Füllwörter wie „halt“ verwenden.

„Elfenwinter“ spielt an fremdartigen, imposanten Orten, die den Leser staunen lassen und die genau im richtigen Maße beschrieben werden, um der Fantasie des Lesers ein Gerüst zu geben.

Das Gleichgewicht zwischen Handlung und Charakterentwicklung ist gut getroffen und es gelingt Hennen, die brutale Realität des Krieges eindringlich zu schildern. Seine Charaktere kämpfen nicht fair (und wenn sie es doch tun, ist das zwar bewundernswert, aber bringt ihnen selten Glück) und sterben nicht schnell und sauber.

Fazit

„Elfenwinter“ ist ein gelungener High-Fantasy-Roman, der den Fehler vermeidet, eine Geschichte über die Elfen, die Menschen und die Trolle zu erzählen und stattdessen von den Individuen berichtet, die auf allen Seiten stehen und ihre eigenen Konflikte und Motive mitbringen.

Ausblick und Anmerkung

„Elfenwinter“ ist Teil einer sehr viel umfassenderen Saga und es ist mir schwer gefallen, das Buch als Einzelband zu bewerten, weil ich immer wieder über die zahlreichen Verknüpfungen zu seinen Pre- und Sequels nachdenken musste. Mir ist ein Detail aufgefallen, was z.B. nicht gänzlich mit „Drachenelfen“ in Einklang bringen lässt, aber im Großen und Ganzen habe ich beim (wieder-)lesen des Buches davon profitiert, die anderen Bücher der Serie zu kennen.

Ich habe die Originalausgabe von 2006 gelesen, die mittlerweile vergriffen ist, allerdings ist jetzt die oben abgebildete, überarbeitete Neuauflage erschienen, in der vielleicht das erwähnte Detail korrigiert worden ist. Auf jeden Fall hat sie aber ein schöneres Cover (eine sehr gelungene Variation des unvermeidlichen Schwertes) und enthält außerdem eine kurze Erzählung über den Hintergrund der Trollschamanin Skanga.

Heyne, 2006, 14,00 EUR

Überarbeitete Auflage:

Heyne Verlag,

Oktober 2011

Imprint:Heyne Verlag

ISBN:9783641064921

 

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