Gesa Schwartz: Grim – die Flamme der Nacht (Buch 3)

8460_1A_LYX_GRIM_03.IND5Klappentext

Rätselhafte Nebel suchen die Oberwelt von Paris heim. Wo sie sich über die Stadt legen, fallen die Menschen in einen tiefen Schlaf, um kurz darauf spurlos zu verschwinden. Der Gargoyle Grim und die junge Sterbliche Mia versuchen, dem seltsamen Phänomen auf die Spur zu kommen. Sie ahnen nicht, dass schon bald sehr viel mehr auf dem Spiel stehen wird als das Schicksal der verschwundenen Menschen…

Hintergrund

Die „Grim“-Serie ist in unserer Welt angesiedelt. Andererseits gibt es verborgene Subkulturen magischer Wesen – Feen, Kobolde, Werwölfe, Vampire, Trolle, Dämonen, Nornen, Schrate, Gargoyles… ein Wirrwarr von Figuren und Kulturen, das das gesamte Spektrum von drollig bis erhaben-entsetzlich abdeckt und eigentlich nicht funktionieren sollte, es aus irgendeinem Grund aber trotzdem tut.

Die sogenannte Anderswelt gliedert sich in die verschiedensten Reiche, eigene Fantasywelten, die in verschiedenem Maße mit der der Menschen verbunden sind.

Der Gargoyle Grim ist mit dafür verantwortlich, die Anderswelt vor den Menschen verborgen zu halten und diese zugleich vor den Anderwesen zu beschützen – eine Aufgabe, in deren Rahmen er auf die Menschenfrau Mia trifft, welche die Gabe hat, die Anderswelt zu sehen. Die beiden sind mittlerweile ein Paar und haben Seite an Seite dramatische Kämpfe ausgefochten.

Handlung

In seiner Handlungsstruktur erinnert „Die Flamme der Nacht“ stark an die Vorgängerbände. Ein mächtiger Gegner erscheint und nach dem Grim und Mia schließlich seine Identität herausgefunden haben beginnt eine Art Schnitzeljagd, die sie auf der Suche nach Verbündeten und magischen Artefakten, die ihnen im Kampf beistehen können, tief in immer neue Winkel der Anderswelt führt. Nahezu jede Entdeckung führt zu einer neuen Information oder Aufgabe und die Handlung löst sich vorrübergehend in eine Abfolge beinahe episodischer Subplots auf. Manchmal ist es sogar schwer, deren Funktion im Kopf zu behalten. Es handelt sich mehr oder weniger nur um Ausdehnungen einer eigentlich einfachen Handlung, komplizierte Vorausdeutungen und Enthüllungen sucht der Leser eher vergeblich. Oft sehr schnell aufeinanderfolgende Kämpfe lassen die Handlung teilweise sonderbar gehetzt wirken und verlieren durch ihre Vielzahl gefühlt an Bedeutung.

Warum ich das Buch trotzdem kaum zur Seite legen konnte? Weil nahezu jede der „Sidequests“ die den Charakteren abverlangt werden, es absolut wert ist.

Selbst wenn es gelegentlich wirkt, als zögere die Autorin das Ende des Buches gewaltsam heraus, versteht man andererseits, wieso sie ihren Figuren und damit ihren Lesern die Figuren und Orte vorstellen wollte, an die diese eigentlich unnötigen Aufgaben sie führen und ist ihr zutiefst dankbar dafür (außer vielleicht kurz vor dem Ende, wo man die abschließende Konfrontation schließlich herbeisehnt).

Außerdem erhalten die Figuren ein Gefühl der Kontinuität aufrecht und durchleben im Laufe des Buches Veränderungen, die die episodischen Abenteuer zu Schritten zu einer Entwicklung verbinden.

Figuren

Und das führt mich schon zu einem großen Pluspunkt des Buches: Die Charaktere. Da ist zum einen der Gargoyle Grim, der, so grimmig und verschlossen er sich auch der Außenwelt präsentiert, eine tiefe Zerrissenheit in sich trägt und so in seiner Mischung aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit – und mit einem ziemlich epischen Erscheinungsbild und gewaltigen magischen Kräften – einen faszinierenden Hauptcharakter abgibt.

In Mia, einer Hartidin – also einer Menschenfrau, die die Anderswelt sehen kann – hat er eine würdige Partnerin gefunden. Was Mia zu einer großartigen Protagonistin für das Buch macht, ist, dass sie sich einerseits im Lauf der letzten Bücher rasch zu einer starken Kämpferin entwickelt hat und gelernt, sich in der Anderswelt zurecht zu finden, so dass sie keineswegs als schutzbedürftiges Anhängsel des Helden unterwegs ist. Dennoch hat ihr diese zunehmende Vertrautheit mit der Welt der Fabelwesen, die sich hinter unserer verbirgt, nicht ihr Staunen über diese nehmen können und der Leser hat gerne an ihrer Faszination teil.

Wie auch in den Vorgängerbänden steht den Protagonisten wieder ein Feind gegenüber, der nicht nur ein starker Gegner sondern auch ein schillernder Charakter ist.

Was mich jedoch besonders beeindruckt hat, ist, dass auch ein Großteil der unzähligen Nebenfiguren, die das Buch bevölkern, wirkt, als könnten sie die Hauptfiguren eines eigenen Buches sein.

Ich war sehr froh über Schwartz‘ Entscheidung, dem Vampir Lyskian eine tragende Rolle einzuräumen – einer wunderbaren Interpretation des klassischen, aristokratischen Vampirs, der frei von der Romantisierung und Verharmlosung die ganze bedrohliche Eleganz seiner Spezies zur Schau trägt.

„Grim“ beschwört eine ausgesprochen unzuverlässige Realität herauf, in der man bei einigen Textstellen nicht sicher ist, ob es sich um Metaphern, die unzuverlässige Wahrnehmung der Figuren oder objektive Beschreibungen handelt. Die Figuren sind in ihrer Handlungsweise und Beschreibung oft so extrem, dass sie bei aller Komplexität hin und wieder an Gestalten aus Mythen erinnern und die Regeln der Menschenwelt haben alle Geltung verloren.

Dennoch ist „Grim“ in einem wichtigen Punkt realistisch: Die inneren Konflikte, die die Figuren begleiten, verschwinden nicht von Heute auf Morgen. In „Die Flamme der Nacht“ setzen Grim und Mia sich mit denselben Konflikten und Zweifeln auseinander, die sie seit „Das Siegel des Feuers“ begleitet haben und am Ende des Buches haben sie sie noch lange nicht überwunden.

Schwartz‘ findet beeindruckende Bilder für Sehnsucht, Einsamkeit und Rastlosigkeit und schafft es, diese Emotionen in all ihrer Ambivalenz abzubilden.

Welt und Magiesystem

Eigentlich müsste hier noch eine weitere Figur dargestellt werden: Die Anderswelt. Denn sie erscheint dem Leser wie ein eigener, facettenreicher Charakter, mit dem man nur zu gerne seine Bekanntschaft vertieft und mit dem die Figuren auf faszinierende Weise interagieren, erscheint die Welt doch oft als ihr Spiegel.

Sie ist eng mit real existierenden Orten – im Falle von „Die Flamme der Nacht“ vor allem mit Prag – verbunden und oft trennt nur ein winziger Schritt die scheinbare Realität von einer Welt, die sich nicht stärker von dieser unterscheiden könnte. Durch die atmosphärischen Beschreibungen und ebendiese Verflechtung von Fantasie und Realität und den sehnsuchtsvollen, ambivalenten Blick der Anderswesen bewirkt das Buch, was Tolkien als „Recovery“ bezeichnet – eine Erneuerung des Blickes, den der Leser auf die eigene Welt hat.

Zum Magiesystem: Magie – ja, System – nein. Die Regeln, nach denen die Magie der Anderswelt funktioniert, bleiben ausgesprochen diffus, alles, was der Leser erfährt, ist, dass sie spektakulär ist und eng mit den Gedanken und Emotionen der Magier verbunden.

Stil

Gesa Schwartz‘ Stil ist außergewöhnlich. Die Sprache ist voller Metaphern und beschwört eindrucksvoll die Anderswelt, aber auch das Innenleben der Figuren herauf. Was vielleicht noch bemerkenswerter als der Stil selbst ist, ist, wie ungekünstelt er wirkt und wie gut er zu der schillernden, uneindeutigen Welt passt, die er beschreibt.

Natürlich balanciert die Erzählweise immer wieder am Rand von Widerspruch und Pathos entlang und natürlich lässt sich Stolpern hierbei nicht vermeiden, aber irgendwie ist es auch dieser Mut, sich völlig in seine Fantasie hineinzustürzen und ohne jede Ironie von Magie, Heroismus und Staunen zu schreiben, der mich für Schwartz‘ Bücher einnimmt.

Fazit

Wie alle „Grim“-Bücher ist auch „Die Flamme der Nacht“ ein Buch, auf das man sich einlassen muss, ein Buch mit Schwachpunkten, aber auch dem Potenzial, den Leser vollkommen zu verzaubern.

Egmont Lyx

2012

19,99 EUR

Rezension zu Gesa Schwartz: Nacht ohne Sterne

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3 Kommentare zu “Gesa Schwartz: Grim – die Flamme der Nacht (Buch 3)”

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